Urlaub 2020

„In die Zeitungen von heute wickeln wir morgen den Fisch“ hat ein Freund mir mal gesagt. Diesen Satz werde ich nie vergessen. Er sagt soviel über das was wir sind. Wir reden und reden und können doch nicht umhin uns stetig zu wandeln. Was gestern noch wahr war, ist heute nicht mehr in Gänze einzuhalten und morgen ist es vielleicht falsch.

Ich wollte mich in Bewegung setzen, meine festgefahrenen Gedanken in Bewegung setzen, so dass sich vielleicht etwas löst was mir morgen den Weg in eine andere Richtung weisen kann. Aber so einfach ist es nie. Du weißt nicht, wann du den nächsten Unterschlupf am Wegesrand finden wirst. Das hier ist unbekanntes Land und wir fahren auf Sicht. Sollen die anderen doch sagen, sie lassen die Dinge fliessen, sie wüssten wo entlang. Sie haben keinen blassen Schimmer. Sie halten diese Mär der Gewissheit aufrecht um dem eigenen System Sicherheit vorzugaukeln.

  Campen ist eine sonderliche Angelegenheit. Man taucht ein in einen eigenen Mikrokosmos der Gesellschaften. Die Gesetze des Alltags scheinen nur eingeschränkt zu gelten. Was ich immer daran liebte, die völlige Entschleunigung setzt nach ein paar Tagen unwillkürlich ein, selbst wenn man es nicht mehr für möglich hält, sollte auch dieses Mal eintreten. Doch das tat es nur sehr bedingt. Warum? Das weiß ich nicht genau, nur soviel, zu unruhig verhielt sich die innere See, zu sehr war ich gefangen in der Vehemenz der Gegenwart etwaiger Problemfelder. Wenn wir also hielten um die erste Nacht auf der Durchreise an einem Transitort zu halten, so empfing uns doch die gleiche Welt der Camper die ich jedes Mal erwarte. Sehr freundlich und doch bestimmt. Der Platzwart war froh über den Umsatz, die Dauercamper reagieren mit einer gewissen Hochnäsigkeit ob des mangelnden Wissens, wo und wie es denn Frischwasser zu beziehen galt. Sämtliche Herausforderungen wurden von uns gemeistert, aber eingestuft waren wir erstmal. Zum Glück ging es am nächsten Tag weiter. Neuer Morgen, neues Glück.

Der neue Tag brachte einen neuen Platz im Rheinischen, ein Familienbetrieb wie man ihn dort erwartet, der Vater ist der Chef, Frau und Sohn folgen nicht ohne Stolz dem Handeln in jahrzehntelanger Tradition. Es war klar wer hier das Sagen hat. Und doch war man uns zugetan und zeigte uns wohlwollend die lokale Infrastruktur. Für kurze Zeit hatte ich das Verlangen, selber einmal Platzwart zu werden, den Sommer lang nach dem Rechten sehen, Fehlverhalten freundlich aber entschieden eine Absage erteilen und hier und da ein Pläuschchen halten. Unverbindlich und oberflächlich, der Ernsthaftigkeit eine Absage erteilend. Aber es ist wie es immer ist, wir trauen uns nicht aus unserem Korsett, glauben, die Dinge nehmen ihren bestimmten Lauf. Ich beließ es bei meinem abendlichen Kölsch, über die Strenge schlagen hat selten bis nie geholfen.

Auch diese Episode sollte sein Ende nehmen, ein Tag mit endlosen Gehen in der Großstadt sollte reichen, schließlich sind wir angetreten um in der Natur zu sein. Es ging weiter Richtung Süden. Diesmal in ein verwunschenes Tal in der Eifel. Aus der Nähe betrachtet war es zwar mitten in der Natur, die Landstraße führte trotzdem nur durch einen Fluss und ein paar Bäumen geschützt an unserem Platz vorbei. Irgendwas ist ja immer. Eigentlich war ich immer gut darin derlei Widrigkeiten wenig bis keine Beachtung zu schenken, aber das richtige Gefühl dort richtig zu sein, stellte sich nicht ein. Der Platz war zu sehr Familien-Gulag, aus diesem Alter sind meine Kinder rausgewachsen. Wir erklommen trotzdem den nächsten Berg und wurden durch einen Ausblick beschenkt, dessen archetypischen Charakter man wohl sucht, wenn man unterwegs ist, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Trotzdem, der Entschluss war schnell gefällt, die Tage zählten langsam ihrem Ende entgegen. Jetzt nochmal auf Nummer sicher gehen. Zurück, der letzte Stop sollte die Nordsee sein.

Und wieder ist das Glück auf unsere Seite, ein schöner Platz, direkt hinter dem Deich. Kettcar besang es so richtig und bezeichnend: „Deiche brechen richtig, oder eben nicht“ Auch auf dieser Reise sind sie nicht gebrochen, zwischendurch landete die Flut aus der Vergangenheit hart, aber es hielt Stand was Stand halten sollte. Und so nahm ich ein Bad in den Fluten, die Gefäße zogen sich zusammen und für den Moment konzentrierte sich das Leben und ließ vergessen was es zu vergessen gilt. Dort wollte ich immer sein, in dem Moment wenn es passiert. Wenn es passiert. Wenn es passiert! Denn all die Seilschaften, die Gravitation der dich umgebenden Systeme, halten dich zurück, enthalten dir vor was für dich bestimmt ist. Davor musst du fliehen. Das saugt dir das Leben aus dem Körper.

Jetzt packe ich meine Parzelle, der inneren Ordnung folgend, die Dinge derer wir auf dieser Reise habhaft waren. Es ist nicht viel, eigentlich nur was man braucht. Und doch fehlt was so bestimmend war die letzten Monate. Aber hey, ich fahre dir entgegen. Auf Reise oder nicht spielt doch gar keine Rolle. Und was gestern noch wahr war, ist heute nicht mehr einzuhalten und Morgen ist es vielleicht falsch. Egal wie, ich möchte, dass du dabei bist.

Liebe in Zeiten der Krise

Tennessee Williams hat sich an einem Flaschenverschluss für Nasenspray verschluckt und ist daran gestorben. Man bringt es kaum zusammen, Wie kann jemand, ausgezeichnet mit dem Pulitzerpreis, fähig Geschichte zu begleiten, dem geschriebenen Wort mehr Bedeutung zu verleihen als der Summe seiner Buchstaben, an so etwas banalem zu Grunde gehen?
Ich muss daran denken, was gerade passiert. Mein Innen ist nur ein weiteres Äußeres. Krise in und um mich herum. Ich sehe Menschen, die Zahlen interpretieren, als hätten sie noch nie etwas anderes gemacht. Sehe Menschen, die behaupten, es sei Pflicht aus diesem Lockdown mit einer weiteren Fähigkeit rausgehen zu müssen. Internalisierter Neo-Liberalismus Galore. Ich will mich niemandem mehr anbiedern, zu partikular scheinen mir die Interessen und Begehre des Einzelnen. Es ist ein hehres Ziel etwas ganzheitlich sehen zu wollen, und doch versuche ich es manchmal, um mich dann in den Ausprägungen der Aussagen zu verfangen und dann am Ende doch wieder meinem Bauchgefühl zu folgen.

Und dann trifft es mich. Kannst du noch mithalten? Oder hast du jetzt die Seite gewechselt, hin zur Milde, hin zu dem was Abstand sein will. Jede Diskussion entbehrt schnell der Richtung, alle verlieren sich, verlieren den Fokus, spalten sich auf in die Ego-Perspektive. Da ist diese Verschiebung hin zur Empörung ohne Gleichgewicht. In den Kritiken legen nicht selten Arroganz, Privilegien und der Schrei aus dem Elfenbeinturm die Basis für das was man für alle behauptet. Aber wir sind zersprengt, eine heterogene Gesellschaft deren Anliegen häufig weit auseinander liegen. Das sollte mal wirklich aufgenommen werden in das eigene System! Lasst die anderen Leben! Wenn es Schnittmengen gibt bei denen man sich einigen muss, dann sucht den Kompromiss, nicht die Auseinandersetzung als Selbstzweck. Diese Auseinandersetzungen sind so unglaublich Moralgetränkt geworden, es ist kaum noch auszuhalten. Ja, du bist der bessere Mensch, aber jetzt lass uns trotzdem einigen!

Liebe in Zeiten der Krise bedeutet also den Williams in dir zu akzeptieren. Wir sind gut, wir sind schlecht. Und alles dazwischen. Behauptet nicht immer, ihr wüsstet alles. Ich weiß ein paar Dinge, aber die meisten eben auch nicht.

Wolkenkuckucksheim

Wenn wir das eigene System als immanent plausibles beschreiben, als eines, das in seiner Grundlage und seiner Logik konsistent sein soll, dann kann ich nur nochmal fragen, ob das wirklich mein Wille ist: Wo will ich hin?
Wenn man expansives Wissen ansammeln möchte, wenn man etwas anderes fühlen möchte, als das was man schon inne hat, muss man sich an Minderheitenkultur halten. Es ist in jedem von uns angelegt, jeder akklamiert für sich die eine, oder im besten Fall die wenigen Wahrheiten zur Wahrung der eigenen Konsistenz. Darüber hinauszuschauen ist die wahre Herausforderung.
Diese Symmetrie zwischen Glück und Unglück ist manchmal schwer zu ertragen. Wenn es eng wird zwischen den Polen und die Szenerie zu kippen droht. Wenn die Gravitation der Situation dich in eine nicht erwartete Richtung zieht. Dann mache ich die Augen zu und gehe Schritt für Schritt, mit der Hoffnung, daß es schon gut gehen wird.

Dann ziehe ich Kreise um die Dinge die mir wichtig sind. Denn Heimat gab es eigentlich nie. Ich kann mich nicht erinnern ein Zuhause gehabt zu haben. Wenn, dann in Menschen, nicht in Orten. Zu oft haben sich die Dinge um mich herum bewegt, wollten nicht sein was sie nie sein konnten, Halt und Sicherheit, Unterschlupf und Versteck.
Jetzt bin ich da, wo ich schon vor vielen Jahren war. Wieder, und da bin ich mir sicher, auf Durchreise. Und jeder, der mich ein Stück begleiten will, ist herzlich eingeladen. Ich bin auch niemandem böse, der einen anderen Weg gehen möchte, viel zu schwierig zu entwirren welche Pfade für dich Sinn machen, ich sehe ja nicht mal meine.
Trotzdem, jemand dabei?

Under the pink

 

In der eigenen Sicht gibt es verschiedene, durchlässige Lagen von Realitäten. Von dieser Erkenntnis konnte ich nicht mehr zurück in mein altes Ich. Jede Ausseinandersetzung mit meinem Gegenüber musste von da an emotional fragmentiert sein. Wir sind zu ambivalent in unseren Empfindungen als dass wir die Dinge oberflächlich singular wahrnehmen können. Jede Episode, jede Kommunikation gibt uns neue Erkenntnisse über die vielen Episoden die unser Gesprächspartner zu dem machen, was ihm wichtig geworden ist, die Essenz dessen was transportiert werden soll.

Häufig verstecken wir uns hinter unseren Geschichten, wer aber glaubt dadurch sein Gegenüber definieren zu können, der irrt. Wir decken mit den Geschichten nur den Raum ab, den wir die anderen sehen lassen wollen, ein Raum macht aber kein Gebäude. Das Gebäude hat keine Glaswände die uns sichtbar machen könnten, welche Intention hinter dem liegt was uns aus dem Hauseingang entgegen kommt.

Ich erinnere mich an den ersten Moment, an das aufleuchten der Erkenntnis, etwas durchdringendes, dass mich seitdem begleitet. Das war 1994 und alles fängt wie immer zufällig an. Die UK-Top-20 schauen auf MTV war Pflichtprogramm und „Cornflake Girl“ schien schon beim ersten Mal hören eine Tiefe in Sprache und Bild zu haben, die alles andere dort nicht hatte. Klar, ich hatte vorher schon Kontakt mit Künstlerinnen wie Kate Bush, die ihrem Ausdruck mehr verliehen, als dass was irgendein Pop-Produkt jemals können würde, aber Tori Amos war für mich von Anfang an ein eigenes Universum.

So hielt ich bald „Under the Pink“ in meinen Händen. Eine silberne Scheibe, die äußerlich nicht verriet, welche Erkenntnisse für mich darauf gebannt worden sind. Eine Fahrt durch die Schichten menschlicher Emotionen, die Lagen dessen, was uns zu dem Macht was wir sind, höchst ambivalente Geschöpfe. Wir verstehen, wir klagen, wir zweifeln, wir lieben, wir bauen, wir zerstören, sind ruhig, sind laut und noch vieles mehr. Jede Zeile auf dem Album gespickt mit Bildern, die uns als Suchende suggerieren was die Lagen unseres Unterbewusstseins schon längst visibel haben werden lassen. Wir werden. Und es geht so weiter bis wir nicht mehr sind.

Das folgende Album „Boys for Pele“ wird nochmal riefer gehen, aber dieses Album hat die Reise für mich gestartet. I’ve got enough guilt to start my own religion now. Danke Tori.

 

„And Greg he writes letters with his birthday pen, sometimes he’s aware that they’re drawing him in. Lucy was pretty, your best friend agreed well, still a pretty good year.“

„God, sometimes you just don’t come through. Do you need a women to look after you?“

 

 

Top 5 2019

Thees Uhlmann – Junkies und Scientologen

5 Jahre keine neue Musik von Thees. Eine Frechheit. Eindeutig. Und dann kommt dieses Jahr das wahrscheinlich beste Album seit „Hinter all diesen Fenstern“. Indie-Rock-Perlen, wenn Bruce Springsteen sie geschrieben hätte. Voll von wunderschönen Textzeilen die noch etwas bleiben. Im Kopf und im Herz.

„Du wartest auf die Liebe, und ich auf das nächste Bier.
Der Platz am Tresen neben mir bleibt heute leider leer.
Eine gute letzte Reise, zum Abschied leise winken,
Elektronische Musik kann man sich so selten schön trinken.“

Noah Gunderson – Lover

Auf das Album habe ich gewartet. „White Noise“ war eine emotionale Eruption in Rock. Und jetzt verbindet er die Country-Einflüsse der ersten Platte mit Elektronik und es ist wieder großes Gefühlskino. Musste mich reinhören, aber es hat sich gelohnt.

„One way or another, it’s gonna make its presence known. From one monkey to another
You can’t lose what you don’t own. It’s okay if you get anxious, Just please don’t call the cops
There’s a couple things I’m sure of, and a whole lot more I’m not“

Bon Iver – i, i

„22, A Million“ schien eigentlich die große Zäsur in der Karriere Bon Ivers zu sein. Der Folk der ersten beiden Alben samt seinem Komfort wich elektronischen Frickeleien und kryptischen Textfragmenten. Dann erschien „i,i“ und vereinte beide Phasen zu einer wunderschönen Mischung.

„Fever last too long
Fever’s rashing on
There’s no fountain in Silver
How art?
How art?“

Billie Eilish – when we all fall asleep, where do we go

Minimalismus, ASMR, Hype, Finneas, Hype und nochmal  Hype. Das alles zu Recht. Billie und ihrem Bruder ist ein tolles Album wie aus einem Guß gelungen. Modern, trotzdem zeitlos, mit Kraft und viel Stimmung. Bin so gespannt wo die Reise hingeht.

„So you’re a tough guy, Like it really rough guy
Just can’t get enough guy, Chest always so puffed guy
I’m that bad type
Make your mama sad type, Make your girlfriend mad tight
Might seduce your dad type, I’m the bad guy, duh“

Lana del Rey – Norman Fucking Rockwell!

Sie hat längst ihre eigene Sparte in der Musik. Lana hat die Grenzen des Mainstreams gesprengt und eine eigene Identität erschaffen. Ich dachte wirklich, da kommt nicht mehr viel. Aber NFR bringt es alles auf den Punkt. Ich lege mich fest, das ist ein Klassiker. Keine kann so über Begierde singen, ich glaube ihr jedes Wort. Mein Album des Jahres.

„Godamn, man child, You fucked me so good that I almost said, „I love you“.
You’re fun and you’re wild,
But you don’t know the half of the shit that you put me through.
Your poetry’s bad and you blame the news
But I can’t change that, and I can’t change your mood.“

Und dann waren da noch Faber „I fucking love my life“, Tyler the Creators „Igor“ und Angel Olsens „all mirrors“. Ich wollte sie erwähnt haben. Ich will, dass die Shins wieder was raus bringen!

Vom Scheitern und sich häuten

sich häuten

 

und ich schreibe immer noch vom deuten

vom scheitern und sich häuten

vom lieben und erbeuten

der sehnsucht und den leuten

 

als wäre es einfach zu verstehen

worum die dinge sich hier drehen

warum die einen den pfad begehen

die anderen es nicht eingestehen…

 

daß es eigentlich scheißegal ist

worum es am ende ging

ich wollte nur mal eben sagen

wie das alles hier anfing

wie viel großes und viel kleines

es wert war zu bestehen

wir hören uns gerne klagen

es fällt mir auch schwer zu verstehen

 

und wenn das alles hier vorbei ist

der argwohn und die list

das was du fühlst und was du bist

und das was du heimlich vermisst

 

werd ich’s wohl niemals mehr probieren

um dieses Herz nicht zu verlieren

ich höre sie ständig lamentieren

doch sie wollen’s nicht mehr kapieren…

 

und wenn es eigentlich scheißegal ist

worum es am ende ging

dann könnt ich doch auch sagen

der verlust war doch gering

denn viel großes und viel kleines

wird es wert sein zu bestehen

ich will nie wieder klagen

vielleicht beginne ich zu verstehen

 

Jetzt auf allen Streaming Platformen. Sucht nach René Hamdorf. Da ist noch mehr von mir.

Wachstumsschmerz

In vielen öffentlichen Diskussionen vergessen wir heute etwas ganz Bestimmtes: Den Weg, den jeder einzelne zurückgelegt hat. Um dort zu sein, wo er in dem Moment steht. Das ist manchmal nicht genug, aber doch wichtig um zu verstehen. Natürlich bedeutet das nichts bei radikalen Positionen, aber dort wo man einfach nur weit auseinander liegt.

Ich höre denen zu, die den Anschein machen, sich vom momentanen Standpunkt weg bewegen zu wollen. Es kann erstmal offen sein wohin, aber stehen bleiben führt zu nichts. Ohne außen, kein innen. Wenn du nicht gerade Kaspar Hauser bist, ist dein innen nur ein weiteres außen. Sinnlos also sich dem Neuen zu verschliessen, es nicht für möglich zu halten, den Blickwinkel auf die Dinge verändern zu können. Manchmal nur ein kleines Stück, eine leichte Kurskorrektur mit Sicht auf das was kommen mag. Die Dinge, die ich noch vor einem Jahr für richtig gehalten habe, können noch gelten, aber sie scheinen glaubwürdiger wenn sie auf das Jetzt angepasst sind.

Wie sehr ich es zu schätzen weiß mittlerweile. Wenn die Menschen um mich herum die Demut zeigen, die es braucht, um sich nicht als Mittelpunkt der Geschehnisse zu sehen. Sich die Zeit nehmen, den eigenen Standpunkt immer wieder zu reflektieren, es für möglich halten, vielleicht nicht richtig zu liegen. Mit diesen Menschen möchte ich gehen, sie werden den Antworten am nächsten kommen.

Meine Gedanken reisen langsam hinterher.

Gilles Deleuze

Philosophen sind gekommen und haben die Theorien ihrer Vorgänger genommen und diese verfeinert oder versucht das Gegenteil zu beweisen. Gilles Deleuze war jedoch mehr der Überzeugung, daß Philosophie etwas anderes ist, einen anderen Ansatz benötigt. Dekonstruktion und Fragmentierung sollten nicht mehr als Leitbild herhalten, philosophische Theoreme zu validieren oder im Gegenteil, ihnen zu widersprechen.

Deleuze hat sich andere Fragen gestellt. Welche Rolle hat Philosophie wirklich gespielt in der Geschichte der Menschheit? Was ist Philosophie? Gibt es andere, neue Wege die Dinge zu betrachten? Es war ihm immer wichtiger zu fragen wie man leben möchte, als hyper-nuanciert zu hinterfragen welche Textstelle auf Seite 173 eines bestimmten Buches ausschlaggebend sein soll, wo uns eine Theorie hinführen könnte.

Ihm ging es nicht mehr darum, die objektive Wahrheit zu finden, denn das wurde bereits als nicht möglich bewiesen, nein, und hier kommt das revolutionäre an seinem Ansatz, ihm ging es nicht mehr um den Prozeß des Entdeckens, er stellte den Weg dorthin in den Vordergrund. Der Prozeß des Kreierens rückte für ihn in den Mittelpunkt der Philosophie. Die alten Philosophen behaupteten Fragen ultimativ beantworten zu können. Deleuze begriff die Gegenwart als unbegreifliches Chaos und sah sich im bestreben dieser ein Framing zu verleihen. Zu behaupten, er hätte die einzige Antwort, die eine Deutungssphäre inne zu haben, war somit unmöglich. Welch wunderschöner Gedanke! Er erlaubt allen der eigenen Interpretation der Realität zu folgen, er erlaubt die Koexistenz. Denn deine Wahrheit muß nicht meine sein. Philosophie ist die Kunst, eigene Konzepte in einer chaotischen Welt zu erschaffen.

Was wollen wir also tun?! Selfies machen? Ich überlege nochmal.

Ein schöner Tag

Ich wollte diesen Tag schmücken, wie ein Liebhaber der sich sputet eine Augenweide zu sein, bemüht der begrenzten Zeitspanne etwas abzuringen was mehr war als gestern. Um derart Gedanken nicht zu verlieren, wie die vielen gescheiterten Versuche vergangener Bemühungen es dem Wunsch Recht zu tun. Doch Intensivierung und Einsatz, so lehrt uns das Leben, wird nicht zwingend dazu führen der frommen Geistestat den erhofften Glanz zu verleihen. Im Gegenteil, wie oft wollten wir zu viel, wie oft haben wir uns in der Lust verrannt, den Erwartungen Genüge zu tun und sind über das Ziel hinaus geschossen.

So war ich nah daran mich zu verlieren. Zwischen all den Wünschen der anderen zu verschwinden wie Krill in der Weite des Ozeans. Ich wollte nie viel, ein weißes Blatt in meiner Kladde, eine Idee zum darauf kauen und die Gewissheit mich nicht einschränken zu müssen. Denn das Formulieren bedeutet Freiheit, jenseits davon es irgendjemand Recht machen zu müssen.

An diesem Ort war ich lange nicht mehr. Zu sehr verhaftet in der dauerhaft anstrengenden Anwesenheit der Gegenwart, den Fallstricken der Realität die mir vorzugeben gedenkt, was jetzt sein darf und was nicht. Manchmal fühle ich mich dem Moment entfremdet, möchte nur noch auf die Dinge deuten bis allen klar ist was gemeint ist. Sich durch Handlung dem Gegenüber vermitteln, jenseits der Worte die sich nicht übersetzen wollen in was ich wirklich sagen wollte. Das schaffe ich hier und da auf dem Blatt Papier und wollte es vor mir her tragen wie ein Schild, mich zu schützen vor der Welt, mich zu übersetzen, als Lingua Franca gegenüber dem fremden Außen.

Wie also, unter diesen Voraussetzungen, diesem Tag die Angst nehmen, nicht sein Potential zeigen zu können? Wie sich der Furcht verweigern, uns könnte es später nicht besser gehen als am Vortag? Ich möchte dich hier an meiner Seite, unbeschwert, befreit von Last und Zweifel. Frei in der Idee uns das Beste des Tages einfach zu nehmen. Denn den Tag kümmert es nicht, er gibt wenn man ihn lässt. Ich habe es schon so manches Mal gesehen. Lass es uns versuchen. Denn würde ich dich nicht kennen, ich hätte dich vermisst.

Top 5 2018

It’s that time of the year again! 2018 hat mir musikalisch gefallen. Habe mich verliebt. Vor allem in Boygenius und auch die Alben der Mitglieder dieser „Supergroup“. Phoebe Bridgers hatte es schon 2017 mit rein geschafft. „Stranger in the Alps“ hat mich immer noch nicht verlassen und besteht den Zeittest, ein Album das in meinem Leben bleiben wird. Und dann habe ich mich auch noch in Julien Baker verliebt.  „Turn out the lights“ ist so wunderschön in seiner Traurigkeit, daß es eine Freude ist. Und dann ist da noch Lucy Dacus. Die ist erst sein kurzem für mich in Erscheinung getreten. Welch zeitlose Eleganz ihr Album „Historian“. Ich hoffe wirklich, sie machen zusammen ein weiteres Album. Hoffnung!

Dann fange ich mal an…..

Boygenius

Eigentlich ja schon alles gesagt oben. Ich lasse das denn mal wirken. Ist eine EP, gibt also keine Ausrede die mal eben nebenbei zu hören. Word.

Noah Gundersen

Ja, ich weiß , „White Noise“ ist Ende 2017 erschienen. Aber das Album war für mich 2018 so präsent wie nur wenige andere. Ein Rock-Album, so kann man das wohl nennen. Neu erfinden wird da nichts. Aber die emotionale Wucht und Dynamik dieses Albums ist unfassbar einnehmend. „How many times, how many times will you shit on what you’re given?“ Selbstzweifel, Liebe und Leidenschaft. Ja, ich weiß, sehr präzise, aber darum geht es eben. Als Video hier drunter, seine Collabo mit Phoebe. Sorry, musste sein.

Kat Frankie

Das hat nicht ganz so lange gedauert wie bei Denede mit dem neuen ALbum, aber schon eine ganze Weile. Und dann ist es gekommen. Und es steckt viel Liebe zum Detail drin. Das ist für mich auch Pop 2018. Schreckt nicht vor dem Mainstream zurück, ist aber doch viel mehr als das. Und dann habe ich noch meine eigene Geschichte mit ihr. Ich war auf dem Rückweg auf einer langen Fahrt mit dem Auto und bekam vom Handy angezeigt, daß sie in Bremen den Abend spielt. Es war unendlich viel Verkehr auf der ganzen Strecke, aber ich war kurz vor Bremen und bin einfach runter gefahren. Und habe dann auch noch eine der letzten Karten bekommen. Ein so schönes Konzert, komplett spontan. Allein deswegen gehört sie hier hin.

Courtney Barnett

Und dann gab es auch noch eine neues Album von Courtney. „Sometimes I sit and think…“ habe ich geliebt wegen seiner Energie und der wahnsinnig guten Texte.  „Tell me now…“ ist auch sehr gut. Die Texte sind persönlicher, aber immer noch voller wunderschöner Zeilen. Habe ich oft gehört.

Sophie Hunger

Sophie wird langsam zur Lebensbegleitung. Sie kann wirklich nichts falsch machen, so der Anschein. Auch „Molecules“ hat keinen schlechten Song drauf. Faszinierend. Diesmal sehr elektronisch, sie hat sich offensichtlich Spielzeug gekauft. Und trotzdem hat das Songwriting nicht darunter gelitten. Das erste Konzert dieses Zyklus habe ich jetzt auch schon gesehen. War sehr gut, wie immer, bin aber sehr gespannt wie es sich entwickelt. Möchte sie 2019 nochmal sehen. Anhören!

Lennon Stella

Nochmal Pop. Wie immer auch ein „Neuer“ Artist als Tipp. Lennon Stella kannte man als YouTube Kombo mit ihrer Schwester Maisy und aus der schwülstigen Serie Nashville. War klar, daß sie ihre eigene Karriere startet. Und, surprise, da wird sehr viel richtig gemacht. Sie kommt aus einer Musiker-Familie. Das macht sich bemerkbar. Es wird auf Qualität gesetzt. Die bisher erschienene EP „Love, me“ ist voll von Ohrwürmern und ihre Stimme und wie sie die Melodien singt, macht leicht süchtig. Ich bin gespannt. Hoffentlich wird es nicht zu poppy, sie hat Potential.

Billie Eilish

Der Visual Tipp des Jahres geht für mich an Billie Eilish. Da wurden so viel gute Videos gemacht, das ist schon bemerkenswert. YouTube und ab dafür. Wenn man sich drauf einlässt, gibt es einiges zu entdecken. Artist to watch!

 

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