Precht

Eigentlich mag ich Richard David Precht garnicht. Beim ersten Mal sehen war er mir gleich unsympathisch. Das ist so ein „Mensch-einordne-Ding“, das macht man automatisch, aus dem Bauch raus. Aber irgendwie war er auch interessant. Beruf: Philosoph. Krass! Gibt es sowas noch, kann man das noch sein, oder muß man da nicht so eine Mozart-Perücke aufsetzen und Teezirkel mit anderen Perückenträgern abhalten?! Eigentlich wissen wir es ja, Philosophie ist Grundlage für so viele wichtige Fragen, deren Antworten maßgeblich sind für die Lösung unserer Probleme. Aber wahr haben will man das als moderner Mensch aus dem Leben ja nicht, man tendiert dazu es als komplett nutzlos einzustufen.
Aber dann bin ich immer wieder über ihn gestolpert und konnte schlußendlich nicht daran vorbei, mich vor den vielen Wahrheiten aus seinem Munde zu verbeugen. Höhepunkt bisher sind die 3 Folgen „Precht“ im ZDF. 45 Minuten unterhalten sich 2 Menschen über 1 Thema. Gibt nicht mehr viel Sender die sich das trauen. Arte hatte bis vor kurzem so eine Sendung. Die ganzen anderen Talkshows kann man sich ohne Brechreiz ja nicht mehr anschauen. Oberflächlich und ohne Gehalt sind sie. Nicht so bei Precht. Vor allem die Sendung mit Christian Lindner von der FDP hat mich erstaunt. Ein Mann, dessen Meinung ich nicht teile, vor dem ich aber jetzt zumindestens Respekt habe.
In der ersten Sendung ging es um unser Schulsystem, mit 2 schulpflichtigen Kindern war der Inhalt des Gesprächs Wasser auf meine Mühlen. Ich habe das hier schon thematisiert im Blog. Schon mit dieser Folge wusste ich, das wird etwas Neues, oder etwas was lange nicht mehr zu sehen war. Wirkliche Auseinandersetzung mit einem Thema. Nicht abschließend, aber doch mehr als nur die Oberfläche. Davon möchte ich mehr sehen. Wer möchte, kann hier nochmal rein schauen.

Precht wächst in einem linken Haushalt auf. Seine Eltern akzeptieren das politische System der BRD nur widerwillig. Die DDR wird als das „bessere“ Deutschland angesehen. Im Aufwachsen lernt er natürlich auch das andere System kennen. Nichts desto trotz formt es seinen Blick für seine späteren Ansichten und Einsichten. Irgendwo dazwischen könnte man sich der Wahrheit nähern. In einem Interview-Format wird diese Ambivalenz sichtbar. Ein Besuch in dem von ihm in der Kindheit vergötterten Berliner Zoo im Ostteil der Stadt legt dies offen:

Sein Aufwachsen in ideologisch geprägter Umgebung und die Kehrseite, die staatliche Bildung über Abitur und Studium bilden das Gerüst für viele Standpunkte die mir nah sind und deren Werte ich teile. Ihn treiben die großen Fragen, und sie sind Grundlage für sein Weltbild. Ich respektiere das im höchsten Maße.
Ein Beispiel möchte ich geben. Precht spricht in einem Interview mit der Tiroler Tageszeitung über das Thema Bankenrettung. Schon die Überschrift lässt erahnen, was ich aus dem Gefühl schon lange wusste: „Wir müssen die Banken nicht retten!“
Großartig!!

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