Neue Medien

„Ihr sehnt euch, nicht nacheinander, denn ihr seid ja da, ihr sehnt euch über einander hinaus, aber gemeinsam.“ Max Frisch – Mein Name sei Gantenbein

Böhmermann hat auch mich zum nachdenken gebracht. Der Vorgang selbst hat mich allerdings nicht lange beschäftigt. Wer Böhmermann kennt, der weiß, daß er sich selbst schön als Schöffe am Gericht verdient gemacht hat. Ihn interessiert Recht, er glaubt an Staat und Rechtlichkeit. Daran, daß Dinge schief gehen, aber man in Deutschland Instanzen hat, die Dinge wieder zurecht rücken können. Selbst das ironisch gemeinte „Isch hab Polizei“ schlug in diese Kerbe. Einen rechtsfreien Raum gibt es in Deutschland nur so lange, bis man die Instanzen bemüht und sich damit Hilfe holt. Ein Grundvertrauen ist da, bei allen Fehlern die, natürlich auch hier, passieren. Ein „Bonding“ zwischen Mutter Deutschland und Böhmermann hat stattgefunden, da bin ich mir sicher.
Gleichzeitig seine Haßliebe zur deutschen Medienlandschaft. Durch sie und mit ihr aufgewachsen, spielt deutsche Unterhaltung immer wieder eine wichtige Rolle im Neo Magazin Royale. Als Liebesbeweis und zur Abgrenzung gleichzeitig. So war das Schmähgedicht als eine Abgrenzung zur Formatstarre des Erdogan-Extra 3-Beitrages und natürlich als Entrüstung über die Einmischung der Türkei in Fragen der Meinungsfreiheit zu sehen. Zeigen, daß ein Land zu weit geht und das andere Medien noch viel zu wenig Haltung dem gegenüber gezeigt haben. Die vielen Jahre Merkel haben uns ihr angenähert. Haltung scheint auf ihrer Prioritätenliste nicht allzu weit oben zu stehen. Darauf folgt was eben gefolgt ist. Ein Sturm in den Medien, allerdings nicht unbedingt in die richtige Richtung. Die Regierung versucht das Thema wie immer wegzuverwalten, die eigentliche Kritik geht unter. 85 Milliardäre besitzen soviel wie die 3,5 Millionen ärmsten Menschen der Welt. Die Menschen mögen aber nicht, daß Flüchtlinge Handys besitzen. Ich sag’s nur.

Was macht Böhmermann daraus? Es gibt noch 1 Show nach dem Skandal. Die zweite Hälfte dieser Folge lässt mich erst fragend zurück, aber langsam beginne ich zu verstehen. Diese letzten gesendeten 15 Minuten zerfallen komplett in Unterhaltungsfragmente, in dadaistisch anmutenden TV-Kubismus. Ein Ausdruck der Überforderung, der Überfrachtung mit einer Flut aus Informationen. Linearität wird hier als Zeichen der Verunsicherung über Werteveränderung aufgehoben. Und Werte verändern sich gerade rasant. Maler hatten bis zur Erfindung der Fotografie kein großes Verlangen die Dinge stark zu verfremden. Warum auch? Sie waren dazu da, Realität abzubilden. Mit den ersten Fotos änderte sich das. Erst jetzt konnten neue Kunstformen als Reaktion darauf entstehen. Picasso wäre vorher nur schwer denkbar gewesen.
Im Journalismus verläuft die Entwicklung ähnlich. Wer früher Informationen wollte, war angewiesen auf die gängigen Medien, nur diese hatten die Möglichkeit eine Beschreibung der Realität anzubieten. Mit der Verbreitung des Internets kann jeder seine Version der Realität verbreiten. Das führt zu einen Grad der Fragmentierung von Realitäten, der die meisten Menschen schlichtweg überfordert. Es erfordert für jedes neue Geschehnis eine eigene Bewertung. Die Geschwindigkeit der Informationsverteilung zwingt uns zudem zur Positionierung innerhalb komplexer Systeme. Ein Mechanismus der der Überforderung weiter Vorschub leistet. Viele warten dadurch auf einfache Antworten. Einfache Antworten die es nicht mehr gibt. Die enorm gestiegene Komplexität innerhalb der gesellschaftlich und medialen Vernetzung hat die Menschen nicht mitgenommen. Der Journalismus hält nicht mehr mit, mit den Live-Videos von ertrinkenden Flüchtlingen und den schrecklichen Tweets aus dem Donbass.
Wo geht es also hin? Im Moment scheinen uns eher Satiriker die Welt zu erklären als Claus Kleber. Böhmermanns „Stückwerk“ kommt der Realität einfach näher als alle gängigen Nachrichtenformate. Sein Flickenteppich ist eine Darstellung der Wirklichkeit, derer wir uns annähern sollten. Wir werden ihr nicht entfliehen können. Böhmermann konnte das auch nicht. Er ist mit seinem Gedicht in etwas verwickelt worden, was er nicht mehr kontrollieren kann. Vielleicht ist er doch wichtiger als er denkt, er stellt sich gerne als Hofnarr ohne Verantwortung dar. Aber manche werden durch die Geschichte in andere Rollen gedrängt. Fragt mich nochmal in 10 Jahren. Einfache Lösungen, das war mal. Wer eine Technik zur Annäherung hat, der informiert mich bitte. Ich sehne mich nach einer Antwort, vielleicht einer gemeinsamen.

Zum Thema kommunikative Macht in Netzen noch etwas Hintergrundwissen:

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