Bücher des Sommers

Warum kann ich eigentlich in einer normalen Woche mit Arbeit und Terminen² nicht wirklich abschalten? Meine Aufmerksamkeitsspanne reicht dann selten für ein Buch, ich brauche dann meist lang um mich einzulesen. Aber im Urlaub, da geht das. Dann lese ich alle gesammelten Bücher auf einmal. Auch dieses Jahr. Und davon möchte ich erzählen. Meine Sommerliste:

Ronja von Rönne – wir kommen

Die Geschichte einer polyamorösen Jugendclique. Eine Vierecksgeschichte, wenn es das gibt. „Maja ist nicht tot. Wenn Maja gestorben wäre, hätte sie mir davor Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen.“ Einen wirklichen Plot gibt es in diesem Buch gar nicht. Die vier Protagonisten beschließen in ihrer in die Krise geratenen 4er-Beziehung in ein Haus am Meer zu fahren und das ganze zu kitten. Das ist in aller Verzweiflung oft so komisch und intelligent pointiert geschrieben, das es eine Freude ist. Zuweilen sarkastisch bis hoffnungslos beschreibt die Autorin die komplexen inneren Probleme und Zwänge einer Generation, in der alles möglich scheint und doch alles so schwierig sein kann. Von Rönne thematisiert Noras Panikattacken aus der eigenen Erfahrung heraus, ein Thema, das in Gegenteil zur Depression nicht allzu häufig in Büchern thematisiert wird. Gut, daß sie es tut. Im Februar soll das nächste Buch von ihr kommen. Ich freue mich wie Bolle. Den ganzen Hype um sie klammere ich jetzt mal aus. Die Dame hat Charisma und davon sehr viel. Es scheint auch was dahinter zu stecken. Harren wir der Dinge und erfreuen uns an diesem Buch.

wirkommen

Michel Houellebecq – Unterwerfung

Der Roman spielt im Jahr 2022. Frankreich ist auf dem Weg zu einem islamischen Gottesstaat umgebaut zu werden. Die Kräfteverhältnisse haben sich verschoben. Nach der Wahl ist der Front National die stärkste Fraktion. Um die Machtübernahme zu verhindern, koalieren die Sozialisten mit der islamischen Partei. Houellebecq spielt mit den aktuellen Entwicklungen und entwirft ein Szenario, das nicht mehr so unwahrscheinlich ist, wie man in unserer westlichen Gesellschaft noch denken mag. Der Populismus blüht in vielen Ländern Europas und der Welt. Diese Entwicklung wird aus Sicht des Universitätsprofessors Francois erzählt. Der Protagonist verfällt den Verführungen des an die Macht strebenden Systems, weil er der eigenen Leere durch Befriedigung seiner sexuellen Vorlieben und dem Angebot eines besseren Lebensstandards durch die neuen Machthaber entfliehen kann. Das System verführt. Das Buch ist eine Provokation, eine interessante zudem. Das Gedankenexperiment ist gespenstisch und unterhaltend zugleich. Es hält uns den Spiegel vor. Und das macht es zu einem guten Buch.

houellebecq-unterwerfung

Sarah Kuttner – 180° Meer

Tja, Sarah genießt bei mir seit den Zeiten des Musikfernsehens einen Bonus. Auch mochte ich immer ihre Kolumnen im Musikexpress. Alles lange her. Ihren Debutroman „Mängelexemplar“ mochte ich eigentlich auch noch. Nun also 180° Meer, in dem Jule ihren Alltag gerade mal erträgt und nach England zu ihrem Bruder flieht, nachdem ihre Beziehung aufgrund einer Affäre auseinander bricht. Zu kämpfen hat sie hauptsächlich mit den schwierigen Beziehungen zu ihren getrennten Eltern. Die Mutter nervt, der Vater liegt im Sterben. Er wohnt ebenfalls im Süden Englands und sie beschließt ihm sich nochmal anzunähern. Das Buch lässt mich trotz den interessanten Themas merkwürdig unberührt zurück. Sprachlich fand ich Kuttner zwischendurch immer originell, in diesem Buch höchst selten. Wenn dann irgendwann ein Nachfolger rauskommt, würde ich es noch lesen, dann muß der aber wieder gut sein!

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Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur

„27.7. 2012 10:49
Das Unangenehme an dieser ganzen Beschneidungsdebatte schon wieder, daß es genau wie beim Frauenwahlrecht, dem Schwulenparagraphen, dem Rauchverbot, der Sterbehilfe oder der Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen eine von Anfang an klar erkennbare Position der Vernunft gibt, die sich am Ende auch durchsetzt. Was von der Querulantenfraktion Monate, Jahre oder Jahrzehnte verzögert, aber niemals verhindert werden kann. Es ist ermüdend.“
Arbeit und Struktur sind die Tagebücher in Form von Blogbeiträgen von Herrndorfs letzten Jahren. Der Tschick-Autor hat einen Hirntumor und verarbeitet seinen Kampf gegen die Krankheit und das System in das er sich begeben muß um dagegen zu kämpfen. Am Ende verliert er bekanntermaßen den Kampf. Das Buch reißt mich raus aus dem Alltag wie kein zweites. Der Humor, die Ehrlichkeit, die Brutalität der Krankheit. Die Wahrheiten, die er im Angesicht des Todes ausspricht. Das alles ist wahrhaftig groß und stutzt mich in Demut zurecht. Danke.

herrndorf

Außerdem waren da noch Sachbücher, omg, Sachbücher. Gelesen habe ich „Jean Ziegler – Ändere die Welt“ und „Stefan Schulz – Redaktionsschluss: Die Zeit nach der Zeitung“. Beide gut auf ihrem Gebiet. Ziegler erklärt aus soziologischer Sicht warum wir nicht weitermachen können wie bisher. Wie unser Wohlstand zum Verderben für viele Andere in der Welt wird. Schulz beschreibt den Niedergang der Zeitungen und wie die News jetzt und in Zukunft entstehen. Er macht verständlich wie unsere Medien durch Algorithmen gesteuert werden, anstatt vom gesunden Menschenverstand.

Und dann sind da noch andere Bücher auf meinem Tolino. Naja, der nächste Urlaub kommt ja.

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