Roger Willemsen

Ich vermisse ihn. Du kanntest ihn nicht. Korrekt. Trotzdem. Er hat mich lange begleitet. Seine Auftritte beim „literarischen Quartett“ waren Pflicht, „0137“ oder „Willemsens Woche“ schauen genauso.

Das erste Mal habe ich ihn live bei einer Lesung in einer Buchhandlung in Kiel gesehen. Das war 1994. Ich war Oberstufenschüler und vor allem die Gesprächsrunde nach der Lesung war für mich eine Offenbarung. Wie kann jemand so schnell, eloquent, weltgewandt und brillant sein?! Wie kann jemand ein so einnehmend freundlicher Menschenfänger sein?

Er wusste von seiner Überlegenheit und trotzdem hat er es niemanden spüren lassen. Im Gegenteil, er fühlte sich Zeitlebens seinem Kioskbesitzer um die Ecke näher als jedem Feuilletonisten. Ganz Freigeist und doch Menschenfreund. Das Gegenteil eines Spießers. Er reiste gerne und testete alle Grenzen aus, er experimentierte mit Drogen und setzte sich schon früh und ausdauernd für die Entwicklung in den Ländern ein, die er liebte. Immer nah an den Menschen, neugierig und mit allen Möglichkeiten dem Rest der Welt diese zu erklären und zu vermitteln.

Zum Glück hat er uns so viel zurückgelassen. Er war geradezu manisch in seinem Willen die Dinge zu Papier zu bringen. Er ist stets früh aufgestanden, nur um zu schreiben. Selten soll er mehr als 3-5 Stunden geschlafen haben.

(Entschuldigt diese „Beat“-Version, aber sein improvisiertes „Angriff auf die Demokratie“ ist für mich immer noch einer seiner Highlights. Leider wurde das ursprüngliche Video entfernt.)

Er wusste das Publikum für sich einzunehmen. Er begann stets mit einer lustigen Pointe, einem gut ausgesuchten Bonmot, um dann langsam auf die schwierigen Themen überzuleiten. Diese Inhalte vermochte er wie kein Zweiter dem Publikum zu vermitteln, ja zu verkaufen. Am Ende wollten alle immer sein wie er. Ich auch. Oft dachte ich, diesen Satz bringt er nicht mehr zu Ende, zu komplex hatte er begonnen, die Einschübe ineinander verschachtelt, um dann grandios abzurunden. Seine schiere Wortgewalt hinterließ mich oft in Ehrfurcht.

Seine Reden waren stets ein Ausdruck von Bildern menschlicher Ambivalenz. In der folgenden Rede auf dem Kommunikations-Kongress 2014 erklärt er in vorzüglicher Weise die innere Zerrissenheit vom Menschen am Beispiel des Komponisten Jean-Philippe Rameaux. Diese Anekdote ist nur ein Teil des Ganzen, sie zeigt aber, wie er es verstanden hat, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen verstehbar in den Zusammenhang setzen zu können. Diese Rede macht mich in seiner Gesamtheit sehr glücklich, sie ist ganzheitlich blickweitend.

„Eine Krawatte ist ein Reisepass für Arschlöcher.“

Oft schaue ich einfach eines seiner von ihm geführten Interviews an. Zu jeder Zeit spürte man, daß ihn sein Gegenüber wirklich interessiert. Wer auch immer dort saß, bekam seine ganze Aufmerksamkeit. Weil ihn die Brüche, die Ambivalenz der Menschen neugierig machte und er wissen wollte was dort passiert. Aus Abscheu, weil es neu für ihn war, oder um den Abgrund zu verstehen. Als Grenzgänger war diese Vorgehensweise unabdingbar.

“Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi Nationale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre gestrenge Entscheidung mitteilt und wertes von unwertem Leben scheidet. Da möchte man sechs Sorten Scheiße aus ihr herausprügeln – wenn es nur nicht so frauenfeindlich wäre.”

Je nach Talkgast war er wandelbar. Ich mochte immer sehr seine Gespräche mit Michel Petrucciani. Äußerlich konträr, innerlich von einem hohen Grad an Verbundenheit, schelmenhaft, jungenhaft und kreativ zugleich. Ganz anders im Gespräch mit dem Focus Herausgeber Helmut Markwort. Ein unvergessenes Gespräch zwischen Zweien die unterschiedlicher nicht sein können, merkte man, wie Willemsen ihn auflaufen lassen wollte. Er konnte beides.

„Dieser Mann mit zerebraler Grundaustattung, sie können das auch intellektuelle Generalverriegelung nennen, erfindet in dieser Zeit das Gefühl des Ressentiments.“

„Das Buch wird vom Lesen auch nicht besser.“

Hier eine Folge „Bauerfeind assistiert“, die zeigt in ihrer Einfachheit den Menschen Willemsen sehr gut. Ich nehme ihm jede Szene ab. Wenn er im Blumenladen das Poster abholt, oder sich über die bestandene Prüfung der Mitarbeiterin in der Poststelle freut.

Es gibt immer einen Weg die Dinge genauer zu erklären und zu benennen. Alles andere schafft Ressentiments und Ablehnung. Willemsen wollte Genauigkeit, dem Konfusen den Sinn abringen.

Roger, erkläre mir die Welt, ich vermisse dich.

 

 

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