Urlaub 2020

„In die Zeitungen von heute wickeln wir morgen den Fisch“ hat ein Freund mir mal gesagt. Diesen Satz werde ich nie vergessen. Er sagt soviel über das was wir sind. Wir reden und reden und können doch nicht umhin uns stetig zu wandeln. Was gestern noch wahr war, ist heute nicht mehr in Gänze einzuhalten und morgen ist es vielleicht falsch.

Ich wollte mich in Bewegung setzen, meine festgefahrenen Gedanken in Bewegung setzen, so dass sich vielleicht etwas löst was mir morgen den Weg in eine andere Richtung weisen kann. Aber so einfach ist es nie. Du weißt nicht, wann du den nächsten Unterschlupf am Wegesrand finden wirst. Das hier ist unbekanntes Land und wir fahren auf Sicht. Sollen die anderen doch sagen, sie lassen die Dinge fliessen, sie wüssten wo entlang. Sie haben keinen blassen Schimmer. Sie halten diese Mär der Gewissheit aufrecht um dem eigenen System Sicherheit vorzugaukeln.

  Campen ist eine sonderliche Angelegenheit. Man taucht ein in einen eigenen Mikrokosmos der Gesellschaften. Die Gesetze des Alltags scheinen nur eingeschränkt zu gelten. Was ich immer daran liebte, die völlige Entschleunigung setzt nach ein paar Tagen unwillkürlich ein, selbst wenn man es nicht mehr für möglich hält, sollte auch dieses Mal eintreten. Doch das tat es nur sehr bedingt. Warum? Das weiß ich nicht genau, nur soviel, zu unruhig verhielt sich die innere See, zu sehr war ich gefangen in der Vehemenz der Gegenwart etwaiger Problemfelder. Wenn wir also hielten um die erste Nacht auf der Durchreise an einem Transitort zu halten, so empfing uns doch die gleiche Welt der Camper die ich jedes Mal erwarte. Sehr freundlich und doch bestimmt. Der Platzwart war froh über den Umsatz, die Dauercamper reagieren mit einer gewissen Hochnäsigkeit ob des mangelnden Wissens, wo und wie es denn Frischwasser zu beziehen galt. Sämtliche Herausforderungen wurden von uns gemeistert, aber eingestuft waren wir erstmal. Zum Glück ging es am nächsten Tag weiter. Neuer Morgen, neues Glück.

Der neue Tag brachte einen neuen Platz im Rheinischen, ein Familienbetrieb wie man ihn dort erwartet, der Vater ist der Chef, Frau und Sohn folgen nicht ohne Stolz dem Handeln in jahrzehntelanger Tradition. Es war klar wer hier das Sagen hat. Und doch war man uns zugetan und zeigte uns wohlwollend die lokale Infrastruktur. Für kurze Zeit hatte ich das Verlangen, selber einmal Platzwart zu werden, den Sommer lang nach dem Rechten sehen, Fehlverhalten freundlich aber entschieden eine Absage erteilen und hier und da ein Pläuschchen halten. Unverbindlich und oberflächlich, der Ernsthaftigkeit eine Absage erteilend. Aber es ist wie es immer ist, wir trauen uns nicht aus unserem Korsett, glauben, die Dinge nehmen ihren bestimmten Lauf. Ich beließ es bei meinem abendlichen Kölsch, über die Strenge schlagen hat selten bis nie geholfen.

Auch diese Episode sollte sein Ende nehmen, ein Tag mit endlosen Gehen in der Großstadt sollte reichen, schließlich sind wir angetreten um in der Natur zu sein. Es ging weiter Richtung Süden. Diesmal in ein verwunschenes Tal in der Eifel. Aus der Nähe betrachtet war es zwar mitten in der Natur, die Landstraße führte trotzdem nur durch einen Fluss und ein paar Bäumen geschützt an unserem Platz vorbei. Irgendwas ist ja immer. Eigentlich war ich immer gut darin derlei Widrigkeiten wenig bis keine Beachtung zu schenken, aber das richtige Gefühl dort richtig zu sein, stellte sich nicht ein. Der Platz war zu sehr Familien-Gulag, aus diesem Alter sind meine Kinder rausgewachsen. Wir erklommen trotzdem den nächsten Berg und wurden durch einen Ausblick beschenkt, dessen archetypischen Charakter man wohl sucht, wenn man unterwegs ist, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Trotzdem, der Entschluss war schnell gefällt, die Tage zählten langsam ihrem Ende entgegen. Jetzt nochmal auf Nummer sicher gehen. Zurück, der letzte Stop sollte die Nordsee sein.

Und wieder ist das Glück auf unsere Seite, ein schöner Platz, direkt hinter dem Deich. Kettcar besang es so richtig und bezeichnend: „Deiche brechen richtig, oder eben nicht“ Auch auf dieser Reise sind sie nicht gebrochen, zwischendurch landete die Flut aus der Vergangenheit hart, aber es hielt Stand was Stand halten sollte. Und so nahm ich ein Bad in den Fluten, die Gefäße zogen sich zusammen und für den Moment konzentrierte sich das Leben und ließ vergessen was es zu vergessen gilt. Dort wollte ich immer sein, in dem Moment wenn es passiert. Wenn es passiert. Wenn es passiert! Denn all die Seilschaften, die Gravitation der dich umgebenden Systeme, halten dich zurück, enthalten dir vor was für dich bestimmt ist. Davor musst du fliehen. Das saugt dir das Leben aus dem Körper.

Jetzt packe ich meine Parzelle, der inneren Ordnung folgend, die Dinge derer wir auf dieser Reise habhaft waren. Es ist nicht viel, eigentlich nur was man braucht. Und doch fehlt was so bestimmend war die letzten Monate. Aber hey, ich fahre dir entgegen. Auf Reise oder nicht spielt doch gar keine Rolle. Und was gestern noch wahr war, ist heute nicht mehr einzuhalten und Morgen ist es vielleicht falsch. Egal wie, ich möchte, dass du dabei bist.

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