Küstenbrüder – Influenza

Die Küstenbrüder sind wieder da! Diesmal mit Real Talk. Eigentlich ist das Thema ja „Influencer“, modern shit sozusagen, aber erzählt wird doch viel Persönliches. Darauf einen „Alten Senator“.

Metasoziale Begründungen

Die Bundestagswahl steht vor der Tür. Jean Ziegler hat einmal gesagt:“In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht.“ Hier, in einer der europäischen Demokratien, haben wir grundsätzlich die Möglichkeit die Dinge zu ändern. Das ist die elementare Aussage seines Ausspruches. Er begründet dies unter anderem mit den Worten von Jean Jacques Rousseau. Dieser sagte, daß zwischen dem Starken und dem Schwachen die Freiheit unterdrückt und das Gesetz befreit. Ein Plädoyer dafür, die Marktwillkür normativ einzuschränken zu müssen.

Große Unternehmen sind naturgemäß dagegen per Gesetz eingeschränkt zu werden. Sie begründen dies stets damit, das dies schlicht unnötig ist, da der „Markt“ die Unternehmen von alleine reguliert. Dieses Argument höre ich seit langer Zeit. Deregulierung ist ein Standard-Terminus eines Wirtschaftsliberalen.  Bei der Recherche zu diesem Thema bin ich auf Alain Tourain gestoßen. Er hat 1973 als Erster in seinem Buch „Production de la société“ Kritik an metasozialen Konzeptionen zur Legitimierung von Praktiken und Verhaltensweisen großer internationaler Unternehmen geübt.

In der Geschichte der Gesellschaften hat es immer wieder Beispiele für den Rückgriff auf metasoziale Begründungen gegeben. Sie dienten dazu, unveränderliche, ahistorische Wahrheiten  zu rechtfertigen. Heute ist einer der mächtigsten metasozialen Begründungsweisen die „Naturalisierung“ ökonomischer Fakten. Das globalisierte Finanzkapital beruft sich auf sogenannte „Naturgesetze der Wirtschaft“ um die eigenen Profite abzusichern. Der Weltmarkt soll stets liberalisiert werden. Ziel ist, so Wall-Street-Bänker James Wolfensohn, eine „stateless global governance“, damit das Kapital dort hin kann, wo es den maximalen Profit erzielen kann.

Die „Marktgesetze“ sind als metasoziale Begründung jedoch gefährlich, da sich die Unternehmen zwar auf Rationalismus berufen, diese jedoch zu einem großen Anteil eben nicht „Gesetzen“ folgen und das System dahinter häufig ein wissenschaftlich gesprochen „chaotisches“ ist. Der Markt reagiert nicht selten irrational, das beste Beispiel ist die Finanzkrise 2008. Wie ein global vernetztes Bankensystem durch ausufernde Geschäfte in den Abgrund gerissen wird und dadurch die Welt in eine große Krise stürzt, zeigt, daß der „Markt“ jederzeit Fähig ist, nicht nach Ethik und Moral zu regulieren, sondern diese im Stande ist aufzuheben. Bis heute gibt es keine Finanztransaktionssteuer in Europa, ein Glanzstück des Irrationalen.

Metasoziale Begründungen lassen uns also vergessen, daß im jetzigen Zustand des Systems das Leiden Dritter verleugnet werden kann. Das spekulieren auf Lebensmitteltransaktionen in Afrika tötet Menschen. Die 7€-Hose beim Discounter zieht unmenschliche Verhältnisse bei der Produktion in Pakistan nach sich. Es gibt unzählige Beispiele.

Wenn jetzt also Bundestagswahl ist, dann möchte ich bedenken, daß Demokratie nicht ohnmächtig ist. Es gilt, so Ziegler, den „Aufstand des Gewissens“ zu forcieren und nicht auf die bisherigen Begründungen zu hören und eben doch sozial zu wählen. Was das heißt, muß jeder Einzelne entscheiden.

Werte

Worüber ich nachdenke? In einer Zeit voll Ausdruck der Überforderung, der Überfrachtung mit einer Flut aus Informationen. Linearität wird als Zeichen der Verunsicherung über Werteveränderung aufgehoben, trotz all dem Reichtum und der langen Zeit ohne Krieg im eigenen Land. Und Werte verändern sich gerade rasant. Maler hatten bis zur Erfindung der Fotografie kein großes Verlangen die Dinge stark zu verfremden. Warum auch? Sie waren dazu da, Realität abzubilden. Mit den ersten Fotos änderte sich das. Erst jetzt konnten neue Kunstformen als Reaktion darauf entstehen. Picasso wäre vorher nur schwer denkbar gewesen.
Im Journalismus verläuft die Entwicklung ähnlich. Wer früher Informationen wollte, war angewiesen auf die gängigen Medien, nur diese hatten die Möglichkeit eine Beschreibung der Realität anzubieten. Mit der Verbreitung des Internets kann jeder seine Version der Realität verbreiten. Das führt zu einen Grad der Fragmentierung von Realitäten, der die meisten Menschen schlichtweg überfordert. Es erfordert für jedes neue Geschehnis eine eigene Bewertung. Die Geschwindigkeit der Informationsverteilung zwingt uns zudem zur Positionierung innerhalb komplexer Systeme. Ein Mechanismus der der Überforderung weiter Vorschub leistet. Viele warten dadurch auf einfache Antworten. Einfache Antworten die es nicht mehr gibt. Die enorm gestiegene Komplexität innerhalb der gesellschaftlich und medialen Vernetzung hat die Menschen nicht mitgenommen. Der Journalismus hält nicht mehr mit, mit den Live-Videos von ertrinkenden Flüchtlingen und den schrecklichen Tweets aus dem Donbass.

Und trotzdem ist da was. Wir sind so weit gekommen. Dann kann es doch auch weiter vorwärts gehen. Es müsste eine große Zeit für Philosophen sein. Soviel wie zum jetzigen Zeitpunkt gab es lange nicht zu deuten. Eine Vision bräuchte es, um all die losen Fäden verbinden zu können. Hat das Merkel-System der Kontinuität uns so eingelullt? Gibt es kein agieren, nur noch reagieren?

Also, neue Kriterien, neue Muster bilden. Lasst mal anfangen.

Der Instagram Algorithmus

Das Instagram Experiment ist abgeschlossen. Ich glaube, ich habe jetzt verstanden. Bei Instagram begann es einst demokratisch, wie vor Urzeiten bei Facebook. Im Feed wurde alles nach Zeitpunkt des Postings eingestellt. Mit einer wachsenden Anzahl an Mitgliedern und auf User-Ebene, Beiträgen von allen Mitgliedern denen man folgt im Feed, wurde es zusehends unübersichtlich. 70% der Beiträge, so sagt Instagram, die man vielleicht gerne gesehen hätte, hat man einfach verpasst. Also musste die Reihenfolge von Bildern angepasst werden. Die Coder von Instagram haben sich zum Beispiel folgende Kriterien ausgedacht:

  • Welche Inhalte gefallen dir?
  • Welchen Menschen schickst du Direktnachrichten?
  • Nach welchen Accounts suchst du?
  • Welche Personen kennst du im wirklichen Leben?
  • Welche Werbung passt zu dir?

Diese Faktoren werden je nach Person gewichtet und in einen individuellen Instagram-Algorithmus umgewandelt. Es ist klar, dass diese Kriterien nur einen Bruchteil der Einflüsse darstellen. Der Algorithmus ist vor allem ein selbst lernender. Er testet Varianten und nähert sich somit Schritt für Schritt dem optimalen Nutzererlebnis. Ziel ist es, den Nutzer so lange und so oft wie möglich in die App zu bewegen. Bei mir hat es des Öfteren funktioniert.

Wer jetzt denkt, es geht nur um den Nutzer, ist natürlich naiv. Wie alle anderen Apps, gilt es natürlich den Dienst so gut es geht zu monetarisieren. Das erreicht man hauptsächlich durch das Verkaufen von Nutzerdaten und durch Werbung. Während die Nutzerdaten fast von alleine eingesammelt und dann aufbereitet werden können, geht Werbung leicht unter wenn man Beiträge nicht priorisieren kann. Der Algorithmus musste also alleine aus diesem Grund schon her. Sonst hätte man keinem werbenden Unternehmen die gewünschte Reichweite garantieren können.

Was bedeutet das für meine Zeit auf Instagram? Aller Anfang war leicht. Content produzieren der nicht zu dämlich ist, vielen folgen, viel liken, viel kommentieren und Hashtags mit weiter Verbreitung benutzen. Es hat nicht allzu lang gedauert bis ich bei zirka 350 Followern war. Dann stockte es. Zu dem Zeitpunkt wurde nochmal am Algorithmus Rad gedreht. Ab jetzt hätte ich noch mehr Relevanz produzieren müssen. Noch so ein Begriff, den man im Zusammenhang mit Instagram kennen muß. Denn Relevanz erzeuge ich durch die oben genannten Kriterien. Ein Unternehmen das sich eben mal ein Account anlegt und nur hin und wieder was postet ist entweder von sich aus ein „honeypot“, oder das Profil geht einfach unter. Nein, es muß jemanden geben, der sich dauerhaft und Relevanz-erzeugend kümmert. Ich selbst verliere eher das Interesse wenn eine App so um meine Aufmerksamkeit buhlt und mich geradezu zwingt involviert zu sein.

Ich überlege es jetzt schlichtweg zu lassen. Been there, done that. Auf der anderen Seite weckt es natürlich meine Nerd-Ader. Instagram hat eine API, also ein Interface mit der es von außen ansprechbar ist. Hauptsächlich um den Content an anderen Stellen einbinden zu können. Zum Beispiel binde ich meinen Feed hier auf dem Blog ein. Dieser Eingang lädt natürlich dazu ein damit zu spielen. Welche Möglichkeiten bietet die API zum Beispiel auf Relevanz Einfluß zu nehmen? Ich werde dem auf den Grund gehen….

Und hat wer eine Idee was wir als nächstes ausprobieren wollen? Ich wäre offen für was Neues. Oder?

Abschlußrede 2017

Als Vorstand des Schulelternbeirates der Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule darf ich jedes Jahr für die Eltern auf der Entlassungsfeier der ESA’ler, MSA’ler und Abiturienten sprechen. Ich versuche jedes Mal, die Chance zu nutzen auf Entwicklungen in der Gesellschaft und auf die damit verbundene Verantwortung jedes Einzelnen hinzuweisen, die Dinge mitzugestalten.

 

Hier meine diesjährige Rede:

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Eltern und Angehörige, liebe Lehrer,

heute feiern wir den Abschluss der Zeit der für euch vor vielen Jahren als der „Ernst des Lebens“ begann.

Ich möchte mich kurz vorstellen. Mein Name ist René Hamdorf und bin seit gut 2 Jahren Teil des Vorstandes vom Schulelternbeirat und habe jetzt 2 Kinder hier an der Toni,  die Schule, die einen großen Teil eures Lebens in den letzten Jahren ausgemacht hat.

Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, wart hier für eine beachtliche und prägende Zeit und habt alle etwas mitgenommen. Wenn es gut gelaufen ist, dann auch überwiegend positive Dinge, die euch bestärken werden auf eurem weiteren Lebensweg.

Ich möchte mich ausdrücklich auch im Namen des Schulelternbeirates bei Ihnen liebe Eltern bedanken, die in den Jahren ihrer Kinder an dieser Schule geholfen haben, den Alltag zu gestalten. Bei Veranstaltungen aller Art zu helfen. Aufbauen, organisieren, mitgestalten, für Verpflegung sorgen, die Schule zu einem Ort machen, an dem Gemeinschaft gelebt wird.

Bedanken möchte ich mich natürlich auch im Namen aller Eltern bei der Schulleitung, allen Lehrerinnen und Lehrern, bei allen Angestellten. Ihr habt eine weitere Generation zum nächsten Abschnitt geleitet. Und das mit viel Herz und Einsatz. Danke dafür!

Der Ernst des Lebens ist für euch, liebe Schülerinnen und Schüler, damit jetzt vorbei und es beginnt ein neuer Abschnitt. Ab jetzt wird es leichter! Jetzt schaut ihr mal in die Gesichter derer ihr unterrichtet worden seid und ihr werdet sehen, nur Bestätigung.

Ihr geht vielleicht weiter zu einer anderen Schule, ihr macht eine Lehre oder geht studieren.

Jetzt kommt die Zeit, in der ihr um eurer Willen streiten und neu denken müsst. Auch letztes Jahr habe ich zum Aufbegehren, zum Fragen stellen und zweifeln am bisherigen Status aufgerufen. Damit möchte ich auch dieses Jahr nicht brechen.

Angesprochen auf die Kunst der Außeinandersetzung fällt mir eine Anekdote über den Musiker Arnold Schönberg ein. Ein garstiger Mann der eines Abends mit einem seiner Studenten stritt und im Verlauf des Gesprächs sagte der junge Mann unvorsichtigerweise: “Das kann ich beweisen!” Daraufhin sagte Schönberg: “In der Kunst kann man garnichts beweisen.” Und nach einer kurzen Pause: “Und wenn, dann nicht Sie!” Dann machte er noch eine Pause und sagte: ”Und wenn Sie, dann nicht mir.” Ich muß gestehen, in dieser Anekdote bin ich heute der junge Mann und ihr logischerweise Schönberg.  Ich versuche euch davon zu überzeugen, daß ihr, egal wo ihr euren weiteren Weg fortsetzt, die Dinge mitgestaltet. Es gibt so viel zu tun.

Allen ist klar, daß wir vor großen Umbrüchen stehen, daß diese schon an die Tür klopfen und schon stattfinden. Gesellschaft verändert sich, eine Epoche geht zu Ende und wir müssen das Neue gestalten.

Die Oxford-Studie über die Zukunft der Arbeit sagt, daß in Europa in zirka 20-30 Jahren, etwa die Hälfte der Bevölkerung keine klassische Arbeit mehr hat, jedenfalls nicht so, wie wir es jetzt kennen. Gründe dafür sind unter Anderem die fortschreitende Industrialisierung 4.0, sprich die Übernahme immer mehr Arbeiten durch Automatisierung. Zum Beispiel in der Logistikbranche durch ausgereiftere Roboter oder etliche Arbeitsstellen im Finanzbereich, die einfach durch Algorithmen ersetzt werden. Jetzt eine Ausbildung zum Bankkaufmann machen ist also eine Zwischenstation, nicht eine Entscheidung für das ganze Leben. Die Liste der bevorstehenden Veränderungen ist sehr lang. Es gibt Studien, die behaupten, daß etwa 20% der Bevölkerung in Zukunft ausreichen könnten, die Weltwirtschaft aufrecht zu erhalten.

Was machen also die Menschen, die aus den klassischen Arbeitsverhältnissen rausfallen? Gibt es für sie neue Visionen und Rahmenbedingungen in denen sich eine gerechte Gesellschaft entwickeln kann?

Dabei fallen immer wieder die bekannte Stichworte: Bedingungsloses Grundeinkommen, Gesellschaftsdienst, Maschinensteuer, Kommunale Vernetzung, Schwarmintelligenz, ein veränderter Bildungssektor in dem Schulen mit Medien- und Netzwerkkompetenz richtungsweisend sind, und noch ein paar andere… Themen, die dringend angegangen werden müssen. Der erste Computer mit der Rechenkapazität eines menschlichen Gehirns wird um 2025 erwartet. Das ist also keine Science Fiction. Die erste künstliche Intelligenz, die schlauer ist als wir, werden wir erleben.

Wir, unsere Gesellschaft, hat alle Möglichkeiten sich anzupassen, neue Modelle zu entwickeln. Trotz Digitalisierung, trotz Automatisierung. Denn Anpassung liegt in unseren Genen. Der Neurologe Gerald Hüther geht damit gelassen um, mit diesen für viele bedrohlich wirkenden Entwicklungen in unserer Gesellschaft. Auf dem Kommunikations-Kongreß 2016 in Hamburg sagt er: “Wir werden eine Bewegung bekommen, in der Menschen wieder gemeinsam versuchen ihre Probleme zu lösen. Wir müssen das Potential nur wecken. Eine Übergangsphase ist stets geprägt durch den Versuch an schon gelerntem festzuhalten.”

Dies zeigt sich darin, daß Meinungen und Strömungen in der Gesellschaft mittlerweile so ausdifferenziert sind, daß ein klarer Mainstream eigentlich nicht mehr die Meinungshoheit übernehmen kann. Es sei denn, wir heben die lauteste Meinung in den Vordergrund, vergessen aber dabei, daß das nicht die Mehrheit ist, sondern nur das durch äußere Einflüsse begünstigte Angebot einer zu einfachen Lösung für fehlende Antworten auf eine wichtige Frage in unserer Gesellschaft: Wie wollen wir in Zukunft leben? Wollen wir weiter Angst haben oder anfangen zu gestalten? Denn wir haben einen festen Zustand verlassen, das prosperierende Nachkriegsdeutschland auf dem Weg in die digitale Netzwerkgesellschaft. Und der Weg zum nächsten festen Zustand ist voller loser Stränge. Da kann eben auch an den falschen Strängen gezogen werden. Aber eben auch an den richtigen. Und warum sollte das auch nicht passieren?!

Und hier kommt ihr ins Spiel! Ihr entscheidet jeden Tag! Auch wenn es manchmal nicht so aussieht. Wenn ihr etwas unverpacktes kauft, wenn ihr faire Bekleidung wählt, wenn ihr in der Ausbildung eine neue Idee einbringt. Nichts muß so sein, weil es immer so gewesen ist!

Ich wünsche Euch für Eure Zukunft alles erdenklich Gute und schaut mal rechts und links vom Weg. In der Regel lohnt es sich.

Vielen Dank und eines könnt ihr euch merken: In der Kunst kann man gar nichts beweisen!“

 

Die Suche

Hier eine Aufnahme, schnell und dreckig, wie immer, von einem Song den ich für den Songslam in der Songbude geschrieben habe. Mein erster Country-Versuch 🙂 Bin ja bekanntlich vor nix fies.

Die Suche

Ich vergesse jetzt die Liebe, bis sie mich haltlos wiedererkennt.

Werde leugnen wenn sie mich fragt, lügen wenn sie Ross und Reiter benennt.

Für einen langen leisen Moment, wenn sie furchtlos und vehement,

ihren Willen zeigt, dich gar glauben lässt, sie wär nicht dekadent.

 

Also warum vermisse ich dich nicht?

Ich suche dich nur wenn du schon bei mir bist.

Und warum vermisse ich dich nicht,

ich frage dich wenn der Mut mich vergisst.

 

und jetzt bleibt mir auch nur warten,

hier ist nichts als müdes denken

ich könnte allmählich, suchend lenken,

am Ende doch nur uns beide kränken.

Wenn ich jetzt also lieber nichts sag’,

heißt das nicht nicht, dass ich dich nicht mag.

Es ist nur, ich fühl’ die Worte und die Jahre,

drehe mich um, und verneine das Offenbare.

 

Also warum vermisse ich dich nicht?

Ich suche dich nur wenn du schon bei mir bist.

Und warum vermisse ich dich nicht,

ich frage dich wenn der Mut mich vergisst.

 

Ich vergesse jetzt die Liebe, bis sie mich haltlos wiedererkennt.

Werde leugnen wenn sie mich fragt, lügen wenn sie Ross und Reiter benennt.

Roger Willemsen

Ich vermisse ihn. Du kanntest ihn nicht. Korrekt. Trotzdem. Er hat mich lange begleitet. Seine Auftritte beim „literarischen Quartett“ waren Pflicht, „0137“ oder „Willemsens Woche“ schauen genauso.

Das erste Mal habe ich ihn live bei einer Lesung in einer Buchhandlung in Kiel gesehen. Das war 1994. Ich war Oberstufenschüler und vor allem die Gesprächsrunde nach der Lesung war für mich eine Offenbarung. Wie kann jemand so schnell, eloquent, weltgewandt und brillant sein?! Wie kann jemand ein so einnehmend freundlicher Menschenfänger sein?

Er wusste von seiner Überlegenheit und trotzdem hat er es niemanden spüren lassen. Im Gegenteil, er fühlte sich Zeitlebens seinem Kioskbesitzer um die Ecke näher als jedem Feuilletonisten. Ganz Freigeist und doch Menschenfreund. Das Gegenteil eines Spießers. Er reiste gerne und testete alle Grenzen aus, er experimentierte mit Drogen und setzte sich schon früh und ausdauernd für die Entwicklung in den Ländern ein, die er liebte. Immer nah an den Menschen, neugierig und mit allen Möglichkeiten dem Rest der Welt diese zu erklären und zu vermitteln.

Zum Glück hat er uns so viel zurückgelassen. Er war geradezu manisch in seinem Willen die Dinge zu Papier zu bringen. Er ist stets früh aufgestanden, nur um zu schreiben. Selten soll er mehr als 3-5 Stunden geschlafen haben.

(Entschuldigt diese „Beat“-Version, aber sein improvisiertes „Angriff auf die Demokratie“ ist für mich immer noch einer seiner Highlights. Leider wurde das ursprüngliche Video entfernt.)

Er wusste das Publikum für sich einzunehmen. Er begann stets mit einer lustigen Pointe, einem gut ausgesuchten Bonmot, um dann langsam auf die schwierigen Themen überzuleiten. Diese Inhalte vermochte er wie kein Zweiter dem Publikum zu vermitteln, ja zu verkaufen. Am Ende wollten alle immer sein wie er. Ich auch. Oft dachte ich, diesen Satz bringt er nicht mehr zu Ende, zu komplex hatte er begonnen, die Einschübe ineinander verschachtelt, um dann grandios abzurunden. Seine schiere Wortgewalt hinterließ mich oft in Ehrfurcht.

Seine Reden waren stets ein Ausdruck von Bildern menschlicher Ambivalenz. In der folgenden Rede auf dem Kommunikations-Kongress 2014 erklärt er in vorzüglicher Weise die innere Zerrissenheit vom Menschen am Beispiel des Komponisten Jean-Philippe Rameaux. Diese Anekdote ist nur ein Teil des Ganzen, sie zeigt aber, wie er es verstanden hat, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen verstehbar in den Zusammenhang setzen zu können. Diese Rede macht mich in seiner Gesamtheit sehr glücklich, sie ist ganzheitlich blickweitend.

„Eine Krawatte ist ein Reisepass für Arschlöcher.“

Oft schaue ich einfach eines seiner von ihm geführten Interviews an. Zu jeder Zeit spürte man, daß ihn sein Gegenüber wirklich interessiert. Wer auch immer dort saß, bekam seine ganze Aufmerksamkeit. Weil ihn die Brüche, die Ambivalenz der Menschen neugierig machte und er wissen wollte was dort passiert. Aus Abscheu, weil es neu für ihn war, oder um den Abgrund zu verstehen. Als Grenzgänger war diese Vorgehensweise unabdingbar.

“Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi Nationale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre gestrenge Entscheidung mitteilt und wertes von unwertem Leben scheidet. Da möchte man sechs Sorten Scheiße aus ihr herausprügeln – wenn es nur nicht so frauenfeindlich wäre.”

Je nach Talkgast war er wandelbar. Ich mochte immer sehr seine Gespräche mit Michel Petrucciani. Äußerlich konträr, innerlich von einem hohen Grad an Verbundenheit, schelmenhaft, jungenhaft und kreativ zugleich. Ganz anders im Gespräch mit dem Focus Herausgeber Helmut Markwort. Ein unvergessenes Gespräch zwischen Zweien die unterschiedlicher nicht sein können, merkte man, wie Willemsen ihn auflaufen lassen wollte. Er konnte beides.

„Dieser Mann mit zerebraler Grundaustattung, sie können das auch intellektuelle Generalverriegelung nennen, erfindet in dieser Zeit das Gefühl des Ressentiments.“

„Das Buch wird vom Lesen auch nicht besser.“

Hier eine Folge „Bauerfeind assistiert“, die zeigt in ihrer Einfachheit den Menschen Willemsen sehr gut. Ich nehme ihm jede Szene ab. Wenn er im Blumenladen das Poster abholt, oder sich über die bestandene Prüfung der Mitarbeiterin in der Poststelle freut.

Es gibt immer einen Weg die Dinge genauer zu erklären und zu benennen. Alles andere schafft Ressentiments und Ablehnung. Willemsen wollte Genauigkeit, dem Konfusen den Sinn abringen.

Roger, erkläre mir die Welt, ich vermisse dich.

 

 

Industrialisierung 4.0

Allen ist klar, daß wir vor großen Umbrüchen stehen, daß diese schon an die Tür klopfen und schon statt finden. Gesellschaft verändert sich, ein Epoche geht zu Ende und wir müssen das Neue gestalten. Doch wenig deutet darauf hin, daß wir diesem Umbruch eine Vision entgegensetzen wollen. Statt dessen bricht sich Angst die Bahnen, direkt in das Herz der Menschen.
Auf dem Weg in jede neue Epoche hat sich dieses Gefühl breit gemacht. Dieses diffuse Angstgefühl dem Neuen nicht gewachsen zu sein. Zur Industrialisierung, nach dem Kaiserreich oder der Aufklärung. Die Folgen waren Zusammenbrüche, zum Beispiel zur Zeit der Weimarer Republik. Auch jetzt scheint es so, als steuerten wir auf solche Zusammenbrüche zu. Mit dem Unterschied, daß wir mehr wissen und die Möglichkeit hätten zu antizipieren. Die Oxford-Studie über die Zukunft der Arbeit sagt, daß in Europa in zirka 20 Jahren etwa die Hälfte der Bevölkerung keine Arbeit mehr hat. Gründe dafür sind unter Anderem die fortschreitende Industrialisierung 4.0, also die Übernahme immer mehr Arbeiten durch Automatisierung. Zum Beispiel in der Logistikbranche durch ausgereiftere Roboter oder etliche Arbeitsstellen im Finanzbereich, die durch Algorithmen ersetzt werden. Die Liste ist sehr lang. Es gibt Studien, die behaupten, daß etwa 20% der Bevölkerung in Zukunft ausreichen könnten, die Weltwirtschaft aufrecht zu erhalten. Wenn man also auch nur in die Nähe dieser Zahlen kommt, wo bleibt der Rest?

Was macht man mit diesen Menschen? Es hilft nichts, wir brauchen Utopien, Vorschläge für eine Gesellschaft der Zukunft. Eine Vision, die die Menschen auffängt und sie in ein neues Zeitalter führt. Die Alternative ist die Flucht in radikale Systeme. Haben wir alles schon gesehen, kann niemand ernsthaft wollen. Irgendjemand Antworten?

Vielleicht diese hier: Bedingungsloses Grundeinkommen, Gesellschaftsdienst, Bildung, Maschinensteuer, Kommunale Vernetzung, Schwarmintelligenz verstehen, Schulen mit Medienkompetenz und noch ein paar andere…

Ich versuche in nächster Zeit mal diese und damit zusammenhängende Themen aufzuarbeiten. Dies soll eine Einführung in das Thema sein. Grüße aus dem Elfenbeinturm.

Podcasts Update 2017

2012 habe ich das letzte Mal über Podcasts geschrieben! Seitdem ist einiges passiert. Podcasts sind jetzt Fab! Es gibt Charts und sie sind auf allen Streamingportalen zu finden. Musste man damals noch kryptische RSS-Feeds in seinen Podcatcher kopieren, kann man sie jetzt schnell finden unter Spotify, iTunes, Deezer und co. Podcasts sind im Mainstream angekommen. Viele hören die Episoden auf dem Weg zur Arbeit oder während des Sports. Für mich seit langem die schönste Art guten Content zu genießen. Von leichter Unterhaltung bis Hochkultur und Wissenschaft, ich kann es mir selbst zusammen stellen. Hier nur einige meiner Favoriten aus der Podcastliste:

Fest und Flauschig
Der Klassiker, lange in den Charts, Jan Böhmermann und Olli Schulz, seit 2013 dabei, hatte die auch in meinem alten Beitrag. Damals noch Jan mit Klaas Heufer-Umlauf. Immer noch oft gute Unterhaltung wenn die beiden sich in Rage reden. Möchte nicht drauf verzichten. Thematische Grenzen gibt es nicht.

Guys we fucked
Nächster Themenkomplex in den Top 10, Podcasts in denen es um Sex geht. Viele davon oberflächlich. Nicht so dieser amerikanische mit dem reißerischen Titel. Hauptprotagonisten sind Corinne und Krystyna, 2 New Yorkerinnen denen kein Thema zu delikat ist. Das Hauptthema ist „anti slut shaming“, also die Message, schäme dich für nichts, es ist alles gut. Das ist ganz erfrischend. Der Episoden haben stets ein stattliche Länge und sind unterhaltend bis aufklärerisch. Um den Gesprächen zu folgen, muß man natürlich so einiges an amerikanischem Singsang-Talk ertragen, aber insgesamt macht es Spaß. Warum also nicht.

Rookie
Wenn ich mir aussuchen könnte wie meine Tochter werden soll, dann darf sie ruhig etwas wie Tavi Gavinson sein. Tavi ist als Fashionbloggerin bekannt geworden und hat danach schnell die etwas andere Jugendseite „Rookie“ gegründet. Eine Forum von Jugendlichen für Jugendliche, mit viel Tiefgang und den wahren Problemen der Kids von heute. Sie ist dort immer noch Editor-in-Chief und führt diese sehr erfolgreiche Seite mit viel Liebe und Anspruch. Davon sollte es mehr geben. Jetzt hat sie in diesem Rahmen auch einen eigenen Podcast. Ich bilde mir ein, die Jugend von heute dadurch ein wenig besser verstehen zu können. Interessant ist es allemal, moderner geht nicht. Absolute Anhörempfehlung!

Eine Stunde Liebe
Schon wieder die Bämserei, langsam wird es auffällig. Deutschlandfunk hat auch einen Podcast rund um die Liebe. Anspruchsvoll und sehr gut recherchiert gibt es in jeder Folge ein neues Thema. Von Journalisten recherchiert, von Mainstream bis abseitig. Macht süchtig.

Die blaue Stunde
Serdar Somuncu hat den alten Platz von Jan und Olli übernommen und redet 2 Stunden frei Schnauze. Mal provoziert er, ist oberflächlich, mal philosofiert er, geht in die Tiefe. Manchmal sind Gäste da. Auch ein Pflichtpodcast. Immer gut, mit viel Meinung, kaum zu beschreiben.

Philosophize This
Ooops, jetzt wird es noch anspruchsvoller. Jede Episode ein philosophisches Thema. Heidegger, Selbstmord oder Krieg. Alles wird wissenschaftlich beleuchtet. Da geht es wirklich zur Sache, ist aber doch gut erklärt, selbst die schwierigsten Themenkomplexe. Wenn ich konzentriert bin, dann mache ich mir eine Folge an, der Wissensgewinn ist immens. Liebe es.

Ach ja, 2013 bis 2015 habe ich auch einen gemacht, ich war der Zeit einfach voraus 🙂 Auf Mixcloud gibt es noch viele davon.
Beispiel?

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Holocene

Warum ich Bon Iver so liebe? Der Versuch einer Liebeserklärung anhand eines Beispieles. Vorsicht, es wird ein wenig nerdy.
Eines meiner Lieblingslieder von Justin Vernon ist „holocene“. Er ist ein Meister darin Stimmungen zu erzeugen. Stimmungen, die ein ganzes Lied tragen, den Inhalt des Textes unterstreichen und die Instrumente diesen Gefühlen unterzuordnen. Er malt damit, benutzt sie bewusst um Dynamiken zu erzeugen. Den Instrumenten wird eine andere Rolle zugewiesen als in 98% der modernen Musik. Er versteht es, Entwicklungen aufzugreifen und sie in seine Kleinoden einzuarbeiten. Sein erstes Album war ein Folkalbum, getragen allein von dem Ende einer Beziehung und deren „ausschwitzen“ in musikalischer Form. Schon mit dem zweiten Album öffnet er sich und bindet orchestrales ein, „22, a million“ dann dieses Jahr integriert Elektro. Stets aber mit seiner Vision, stets im Kontext und dem Song dienend.
„holocene“, und jetzt kommt Songwritingtheorie, ist aufgebaut wie ein Standardsong aussehen könnte. Intro – Verse/Chorus1 – Verse/Chorus2 – Verse/Chorus3. Und trotzdem werden im Detail Techniken verwandt, die anders sind als sonst. Das Intro wird bestimmt durch 2 Akkustik-Gitarren, die ein Zupfmuster entgegengesetzt vor und zurück spielen und dabei im Stereobild ebenfalls entgegengesetzt hin und her gepanned werden. Vernon erzeugt dabei etwas, was eigentlich desorientierend wirken sollte, dabei erzeugt es aber eine warme Wohlfühlstimmung.

„Some way, baby, it’s part of me, apart from me“

Vernon erreicht damit, daß wir nicht mehr die Instrumente wahrnehmen, sondern den Song als ein eben solches. „holocene“, also das Holozän, die Epoche, in der die Menschheit die für sie wichtigsten Errungenschaften entdeckt und erfindet, ist gleichzeitig eine Bar in Portland/Oregon in der er einen sehr schlechten Abend verbringt, wie er mal in einem Interview erzählt hat. Er lenkt uns mit dem Intro direkt in seine emotionale Lage damals.

„You fucked it friend, it’s on its head, it struck the street.“

Die Emotionen erzeugen durch die Musik gleich einem Resonator, sich ineinander bewegende Wellen. Er steigert diese im Verlauf mit dem hinzufügen von weiteren Instrumenten. Einem Piano, einem Glockenspiel, einer Snare, Handclaps und Trompete. Diese Instrumente werden weit hinten im Klangbild eingesetzt, wieder zur Erzeugung von Stimmung. Eine Trompete trägt in der Regel eine Melodie, hier wird sie für die Fläche eingesetzt. Ein bewusster Schritt in die Tiefe.
Den Höhepunkt erreicht der Song mit dem letzten Refrain. Er erreicht ihn durch die Instrumentierung, zum Beispiel das Schlagzeug mit seinen aus dem Hintergrund treibenden Snarewirbeln und dem Einsatz jetzt aller vorher eingeflochtenden Instrumente, als auch der Zusammenführung aller Textbausteine zu der einen Erinnerung, der Erkenntnis, dem persönlichen Scheitern.

„Third and lake, it burnt away, the hallway..“
„Now to know it in my memory
And at once I knew I was not magnificent“

Zu Scheitern hörbar machen, darum geht es in dem Song. Er verpackt das große Bild in ein kleines. So wie es schon andere Meister vor ihm gemacht haben. Umhüllt von einer Stimmung, die den Gedanken ein Rahmen bietet. Viele kleine Anspielungen auf kleine Beobachtungen, die dem Prisma Erinnerung eine Plattform bieten und sie zu etwas größerem formen. Vernon geht den einen Schritt weiter als viele der anderen Singer/Songwriter. Er bettet seine Songs in einen übergeordneten Kontext, arbeitet vielschichtiger und erreicht dadurch die Tiefe, die Kunst von Gebrauchsmusik unterscheidet.

Danke. Großes Gefühlskino.

„Memory commits you to the nuance; the fog. If you act on memory you commit yourself on the basis of echoes: unpredictable, faint, fading even as they were generated. No basis on which to inch out across your life, and yet all you have.“ — THE M JOHN HARRISON BLOG

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