Under the pink

 

In der eigenen Sicht gibt es verschiedene, durchlässige Lagen von Realitäten. Von dieser Erkenntnis konnte ich nicht mehr zurück in mein altes Ich. Jede Ausseinandersetzung mit meinem Gegenüber musste von da an emotional fragmentiert sein. Wir sind zu ambivalent in unseren Empfindungen als dass wir die Dinge oberflächlich singular wahrnehmen können. Jede Episode, jede Kommunikation gibt uns neue Erkenntnisse über die vielen Episoden die unser Gesprächspartner zu dem machen, was ihm wichtig geworden ist, die Essenz dessen was transportiert werden soll.

Häufig verstecken wir uns hinter unseren Geschichten, wer aber glaubt dadurch sein Gegenüber definieren zu können, der irrt. Wir decken mit den Geschichten nur den Raum ab, den wir die anderen sehen lassen wollen, ein Raum macht aber kein Gebäude. Das Gebäude hat keine Glaswände die uns sichtbar machen könnten, welche Intention hinter dem liegt was uns aus dem Hauseingang entgegen kommt.

Ich erinnere mich an den ersten Moment, an das aufleuchten der Erkenntnis, etwas durchdringendes, dass mich seitdem begleitet. Das war 1994 und alles fängt wie immer zufällig an. Die UK-Top-20 schauen auf MTV war Pflichtprogramm und „Cornflake Girl“ schien schon beim ersten Mal hören eine Tiefe in Sprache und Bild zu haben, die alles andere dort nicht hatte. Klar, ich hatte vorher schon Kontakt mit Künstlerinnen wie Kate Bush, die ihrem Ausdruck mehr verliehen, als dass was irgendein Pop-Produkt jemals können würde, aber Tori Amos war für mich von Anfang an ein eigenes Universum.

So hielt ich bald „Under the Pink“ in meinen Händen. Eine silberne Scheibe, die äußerlich nicht verriet, welche Erkenntnisse für mich darauf gebannt worden sind. Eine Fahrt durch die Schichten menschlicher Emotionen, die Lagen dessen, was uns zu dem Macht was wir sind, höchst ambivalente Geschöpfe. Wir verstehen, wir klagen, wir zweifeln, wir lieben, wir bauen, wir zerstören, sind ruhig, sind laut und noch vieles mehr. Jede Zeile auf dem Album gespickt mit Bildern, die uns als Suchende suggerieren was die Lagen unseres Unterbewusstseins schon längst visibel haben werden lassen. Wir werden. Und es geht so weiter bis wir nicht mehr sind.

Das folgende Album „Boys for Pele“ wird nochmal riefer gehen, aber dieses Album hat die Reise für mich gestartet. I’ve got enough guilt to start my own religion now. Danke Tori.

 

„And Greg he writes letters with his birthday pen, sometimes he’s aware that they’re drawing him in. Lucy was pretty, your best friend agreed well, still a pretty good year.“

„God, sometimes you just don’t come through. Do you need a women to look after you?“

 

 

Tilt!

„Glaubst du, dass die Leute bei Orsons Konzerten immer verstanden haben, wer da vor ihnen steht, in allen Dimensionen? Ich hatte persönlich nicht das Gefühl, dass eure Message bei allen Leuten angekommen ist.

Nee, wird’s auch glaub ich nie. Das ist irgendwie so ein Trugschluss. Für manche Leute ist Musik immer das, was sie projizieren. Und wenn man projiziert: „Die Orsons sind vier witzige Typen die ein bisschen Schwung in die Kiste bringen“, dann ist für eine Person das die Projektion. Dann stimmt das für die eine Person, und selbst wenn ich einen Lichtbildvortrag über Kindersoldaten halten würde, aber im Hintergrund leise der Schwung in die Kiste Beat kommt, dann würden die sagen: „Ah, das ist der Typ, den ich von Schwung in die Kiste kenn“. Es bedarf viel, so eine Projektion zu zerstören.“ – Quelle: testspiel.de

Ich brauchte auch etwas, bis ich die Orsons verstanden habe. Habe einem Freund auch mal gesagt, daß seien doch diese Party-Jungs-Rapper! Lag ziemlich daneben, aber hey, es stimmt wie eben auch nicht stimmt.

img_20161207_220035.jpg

„Ich entführe 2 Flugzeuge, flieg sie dir in den Bauch, vielleicht liebst du mich dann auch.“

Jetzt erschien „Tilt!“ Ein Album von Maeckes, sein drittes, wenn man „Null/Eins“ und „Zwei“ nicht mitzählt. Es ist ein grüblerisches, zweiflerisch und überlegt. Aus dem Album spricht viel Liebe zum Detail, hat mit Hip Hop wenig zu tun und doch wird gerappt, und gesungen, und.. Ach, alles irgendwie, Maeckes kümmert sich wenig darum, was man machen darf und was nicht. Jedes Stilmittel ist erlaubt, wenn es irgendwie ins lockere Gesamtkonzept passt. Den Anfang macht „Der Misserfolg gibt mir Unrecht“, ein schönes Wortspiel, eines von vielen. War übrigens auch der Opener auf dem Konzert in Hamburg und machte gleich klar, dieses Album will auch groß sein und keine Angst vor irgendwas haben.

img_20161207_211042.jpg

Danach kommt „Tilt!“ „Ich bin nicht Maeckes, ich war nie Maeckes, ich werd’s nie sein.“ Spielt mit Erwartungen, mit zugewiesenen Eigenschaften. Dann „Gettin‘ Jiggy with it“, frei auf Deutsch, komm klar damit, wir sind alles, gut und böse und das sollten wir akzeptieren. Es geht nicht anders. Alles wirkt sehr erwachsen. In den vorherigen Alben wirkte alles manchmal noch ein bißchen wie die Verwirrtheit der Jugend, jetzt ist es Abgeklärtheit mit all seinen Fragen. Ein schönes, beruhigendes Konzept, kann ich gut nachvollziehen.

„Wir bauen Atomkraftwerke am Strand, wovor haben wir Angst?!“

Das Album schließt mit „Loser“, einer Hymne an all unsere Fehler, an Eigenschaften die uns mitdefinieren, und bildet damit den runden Abschluß für diese Kiste an Gedankenschätzen. Dafür muß ich ihm einfach mal danken. Ein Album mit Gehalt, ist selten und darum so kostbar. Ihr müsst euch das jetzt anhören, es ist eine Bereicherung, ich schwöre. Bin sehr gespannt, wo es mit diesem Künstler hingeht in Zukunft, der hat so viel Potential. Ick freu mir.

„Ich misch dir Raupen in dein Essen, solange bis Schmetterlinge in deinem Bauch sind.“

Auch die Making of Doku „road to tilt“ ist sehr schön.

„Und ich wartete so lang, wie alle Kippenstummel zwischen den Bahngleisen zusammen.“

22, A Million

Bon Iver verweigert sich den Regeln. Es gibt ein neues Album. Als erstes sehe ich die Tracklist.

1. „22 (OVER S∞∞N)“
2. „10 d E A T h b R E a s T ⚄ ⚄“
3. „715 – CRΣΣKS“
4. „33 “GOD”“
5. „29 #Strafford APTS“
6. „666 ʇ“
7. „21 M♢♢N WATER“
8. „8 (circle)“
9. „____45_____“ Vernon 2:46
10. „00000 Million“

Ok, so sehen in der Regel keine Tracklists aus. Hat meine Spannung aber nicht gemindert. Gut, man kann seinem besten Kumpel mal eben sagen, daß er mal Track 5 hören soll, den Tracknamen, den muß man schon ablesen. Ich meine „29 #Strafford APTS“ kann sich ja kein Mensch merken. Aber egal, was habe ich die ersten beiden Alben geliebt, wieso sollte das jetzt anders werden. Denn so anders ist dann auch doch nicht. Ich habe Songs wie „re:stacks“ vom Debut und Holocene vom zweiten Album gehütet wie kleine Schätze. Sie flossen dahin, unendlich schön, sich im Unterbewusstsein ausbreitende Oden, voll von Liebe zum Detail, zur Musik. Jenseits allem schnell zu konsumierenden Einheitsbrei. „Come on skinny love, just last the year…“, auch klassisches Songwriting, ein Song der niemals gehen wird.
Und jetzt also das besagte dritte Album. Es klingt schon gleich nach Bon Iver. Aber dann auch wieder nicht. Es werden selbst die eigenen Vorgaben über Bord geworfen. Justin Vernon fängt an zu dekonstruieren. Er loopt, verzehrt und malt mit Klängen wie nie zuvor. Alleine die ersten 4 Lieder sind bewusst experimentell, aber trotzdem fällt der Zugang nicht schwer. Track 5 klingt das erste Mal wie ein Song, der auch auf dem Vorgänger hätte erscheinen können. Er sei hier mal beispielhaft eingefügt:

Er benutzt auch das erste Mal fremde Songs um daraus zu samplen. Die Liste der Samples ist überraschend. Die kommen aus Songs von Künstlern wie Sharon van Etten, Stevie Nicks oder Paolo Nutini. Gerade den letzteren hätte ich so nicht erwartet. Aber wie gesagt. Herr Vernon schert sich nicht mehr. Er baut und singt schöner und komplexer denn je. Wie kann elektronische Musik soviel Seele und Körper haben. Dieses Album muß man hören, man kann es kaum beschreiben. Dieses Gefühl hatte ich lange nicht mehr, endlich wieder was aufregendes. Textlich geht es um Krisenbewältigung, um Bestätigung und das Gefühl von Unsicherheit. Vieles bleibt aber auch da kryptisch, passend zur Musik. Hier noch der grandiose Opener:

Lege mich fest, das ist das Album des Jahres. Ach, das beste Album seit langer Zeit. Es ist das „Kid A“ dieses Jahrzehnts. Es löst auf und fügt neu zusammen. Und Regeln gibt es keine mehr, gewöhnt euch dran. Freue mich jetzt auf das was kommt.

Höchste Eisenbahn..

…daß die ein neues Album rausgebracht haben! Da ist es wieder. Das Album auf das ich lange gewartet habe. Streng genommen das Debut-Album, vorher gab es lediglich eine EP. Im Kern entstanden ist die Band durch eine Kollaboration von Moritz Krämer und Francesco Wilking. Genau, der Berliner Songwriter und der Tele-Frontmann. Kann ja auch eigentlich nicht schief gehen. Hinzugekommen sind noch Max Schröder und Felix Weigt. Genau, der Hund Marie und Kid Kopphausen. Kann jetzt auch nicht schlechter werden dadurch.
Und herausgekommen ist das Album „Schau in den Lauf Hase“. Eine Sammlung wunderschöner Songs mit Texten für eine ganze Generation von jungen Leuten. Ich gebe zu, meine Lebenssituation trifft das nicht ganz, aber ich verstehe sie jetzt ein Stück mehr.
Nach dem ersten Song hatte ich noch Angst, daß die Gruppe sich zu sehr dem 80er Sound anbiedert. Das kann mal cool sein, nervt aber auf ALbumlänge. „Schau in den Lauf Hase“ will sich aber gar nicht festlegen, das merkt man schnell. „Body & Soul“ hört sich schon mehr nach 70er an und „Aliens“ macht gute Laune mit Motown-Beat. Anleihen aus den verschiedensten Stilen sind auf dem ganzen Album, aber immer verbunden mit filigranem Songwriting. Der Song steht immer im Vordergrund.
Mein Favorit, der Überhit wie ich finde, ist „Raus aufs Land“. Die Melodien! Die Stimme von Moritz! Schöner wird der Schmerz über eine verflossene Beziehung selten besungen.
Ach, hört doch einfach rein. Wer das Album nicht mag, hat kein Herz und hat das letzte Einhorn getötet.

Gibt erst ein offizielles Video, warte sehnsüchtig auf mehr. „Was machst du dann?“

Das ganze Album für Spotifier:

Bloggen bei WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: