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Holocene

Warum ich Bon Iver so liebe? Der Versuch einer Liebeserklärung anhand eines Beispieles. Vorsicht, es wird ein wenig nerdy.
Eines meiner Lieblingslieder von Justin Vernon ist „holocene“. Er ist ein Meister darin Stimmungen zu erzeugen. Stimmungen, die ein ganzes Lied tragen, den Inhalt des Textes unterstreichen und die Instrumente diesen Gefühlen unterzuordnen. Er malt damit, benutzt sie bewusst um Dynamiken zu erzeugen. Den Instrumenten wird eine andere Rolle zugewiesen als in 98% der modernen Musik. Er versteht es, Entwicklungen aufzugreifen und sie in seine Kleinoden einzuarbeiten. Sein erstes Album war ein Folkalbum, getragen allein von dem Ende einer Beziehung und deren „ausschwitzen“ in musikalischer Form. Schon mit dem zweiten Album öffnet er sich und bindet orchestrales ein, „22, a million“ dann dieses Jahr integriert Elektro. Stets aber mit seiner Vision, stets im Kontext und dem Song dienend.
„holocene“, und jetzt kommt Songwritingtheorie, ist aufgebaut wie ein Standardsong aussehen könnte. Intro – Verse/Chorus1 – Verse/Chorus2 – Verse/Chorus3. Und trotzdem werden im Detail Techniken verwandt, die anders sind als sonst. Das Intro wird bestimmt durch 2 Akkustik-Gitarren, die ein Zupfmuster entgegengesetzt vor und zurück spielen und dabei im Stereobild ebenfalls entgegengesetzt hin und her gepanned werden. Vernon erzeugt dabei etwas, was eigentlich desorientierend wirken sollte, dabei erzeugt es aber eine warme Wohlfühlstimmung.

„Some way, baby, it’s part of me, apart from me“

Vernon erreicht damit, daß wir nicht mehr die Instrumente wahrnehmen, sondern den Song als ein eben solches. „holocene“, also das Holozän, die Epoche, in der die Menschheit die für sie wichtigsten Errungenschaften entdeckt und erfindet, ist gleichzeitig eine Bar in Portland/Oregon in der er einen sehr schlechten Abend verbringt, wie er mal in einem Interview erzählt hat. Er lenkt uns mit dem Intro direkt in seine emotionale Lage damals.

„You fucked it friend, it’s on its head, it struck the street.“

Die Emotionen erzeugen durch die Musik gleich einem Resonator, sich ineinander bewegende Wellen. Er steigert diese im Verlauf mit dem hinzufügen von weiteren Instrumenten. Einem Piano, einem Glockenspiel, einer Snare, Handclaps und Trompete. Diese Instrumente werden weit hinten im Klangbild eingesetzt, wieder zur Erzeugung von Stimmung. Eine Trompete trägt in der Regel eine Melodie, hier wird sie für die Fläche eingesetzt. Ein bewusster Schritt in die Tiefe.
Den Höhepunkt erreicht der Song mit dem letzten Refrain. Er erreicht ihn durch die Instrumentierung, zum Beispiel das Schlagzeug mit seinen aus dem Hintergrund treibenden Snarewirbeln und dem Einsatz jetzt aller vorher eingeflochtenden Instrumente, als auch der Zusammenführung aller Textbausteine zu der einen Erinnerung, der Erkenntnis, dem persönlichen Scheitern.

„Third and lake, it burnt away, the hallway..“
„Now to know it in my memory
And at once I knew I was not magnificent“

Zu Scheitern hörbar machen, darum geht es in dem Song. Er verpackt das große Bild in ein kleines. So wie es schon andere Meister vor ihm gemacht haben. Umhüllt von einer Stimmung, die den Gedanken ein Rahmen bietet. Viele kleine Anspielungen auf kleine Beobachtungen, die dem Prisma Erinnerung eine Plattform bieten und sie zu etwas größerem formen. Vernon geht den einen Schritt weiter als viele der anderen Singer/Songwriter. Er bettet seine Songs in einen übergeordneten Kontext, arbeitet vielschichtiger und erreicht dadurch die Tiefe, die Kunst von Gebrauchsmusik unterscheidet.

Danke. Großes Gefühlskino.

„Memory commits you to the nuance; the fog. If you act on memory you commit yourself on the basis of echoes: unpredictable, faint, fading even as they were generated. No basis on which to inch out across your life, and yet all you have.“ — THE M JOHN HARRISON BLOG

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Top 5 Musik 2016

Weitestgehend unkommentiert, wie immer. Wieder kein gutes Jahr für die alte Liebe Rock. Gebe wohl jetzt auf danach zu suchen. Aber gute Musik gab es trotzdem wie ich finde. Kunst ist am besten, wenn die Umstände schlecht sind. Wenn man sich den Weltenlauf so anschaut, dann kommt eine Menge gute Musik in 2017. Vorfreude.

5. Radiohead

Endlich wieder was Neues von Radiohead. Ich höre da einfach gerne zu. „Daydreaming“ ist ein schönes Beispiel. Das Malen mit Stimmungen, Sounds und Worten. Zum reinfallen.

4. Dota Kehr

vergiftet – Da ist ein Piepsen und ein Ticken und ein Deut in ihren Blicken, die mich rügen. Falsche Farben! Schau, sie lügen! Alles schmeckt so nach Betrug. Oh, lasst es sein, es ist genug.

3. Kate Tempest

Picture a vacuum
An endless and unmoving blackness
Peace, or the absence at least, of terror
I see and amongst all this space
That speck of light in the furthest corner
Gold as a pharoah’s coffin…….

Albumtrailer:

2. Maeckes

Marie-Byrd-Land – ich misch in dein Essen ein paar Raupen, solange bis Schmetterlinge in deinem Bauch sind


1. Bon Iver

715 – CR∑∑KS –

Toiling with your blood
I remember something
In B, unrationed kissing on a night second to last
Finding both your hands as second sun came past the glass
And oh, I know it felt right and I had you in my grasp

 

 

Und dann zum Schluß noch ein visueller Höhepunkt des Jahres. Eigentlich alles von Balbina, von der Musik könnt ihr halten was ihr wollt, aber die Videos sind immer besondere Ästhetik, mag das.

22, A Million

Bon Iver verweigert sich den Regeln. Es gibt ein neues Album. Als erstes sehe ich die Tracklist.

1. „22 (OVER S∞∞N)“
2. „10 d E A T h b R E a s T ⚄ ⚄“
3. „715 – CRΣΣKS“
4. „33 “GOD”“
5. „29 #Strafford APTS“
6. „666 ʇ“
7. „21 M♢♢N WATER“
8. „8 (circle)“
9. „____45_____“ Vernon 2:46
10. „00000 Million“

Ok, so sehen in der Regel keine Tracklists aus. Hat meine Spannung aber nicht gemindert. Gut, man kann seinem besten Kumpel mal eben sagen, daß er mal Track 5 hören soll, den Tracknamen, den muß man schon ablesen. Ich meine „29 #Strafford APTS“ kann sich ja kein Mensch merken. Aber egal, was habe ich die ersten beiden Alben geliebt, wieso sollte das jetzt anders werden. Denn so anders ist dann auch doch nicht. Ich habe Songs wie „re:stacks“ vom Debut und Holocene vom zweiten Album gehütet wie kleine Schätze. Sie flossen dahin, unendlich schön, sich im Unterbewusstsein ausbreitende Oden, voll von Liebe zum Detail, zur Musik. Jenseits allem schnell zu konsumierenden Einheitsbrei. „Come on skinny love, just last the year…“, auch klassisches Songwriting, ein Song der niemals gehen wird.
Und jetzt also das besagte dritte Album. Es klingt schon gleich nach Bon Iver. Aber dann auch wieder nicht. Es werden selbst die eigenen Vorgaben über Bord geworfen. Justin Vernon fängt an zu dekonstruieren. Er loopt, verzehrt und malt mit Klängen wie nie zuvor. Alleine die ersten 4 Lieder sind bewusst experimentell, aber trotzdem fällt der Zugang nicht schwer. Track 5 klingt das erste Mal wie ein Song, der auch auf dem Vorgänger hätte erscheinen können. Er sei hier mal beispielhaft eingefügt:

Er benutzt auch das erste Mal fremde Songs um daraus zu samplen. Die Liste der Samples ist überraschend. Die kommen aus Songs von Künstlern wie Sharon van Etten, Stevie Nicks oder Paolo Nutini. Gerade den letzteren hätte ich so nicht erwartet. Aber wie gesagt. Herr Vernon schert sich nicht mehr. Er baut und singt schöner und komplexer denn je. Wie kann elektronische Musik soviel Seele und Körper haben. Dieses Album muß man hören, man kann es kaum beschreiben. Dieses Gefühl hatte ich lange nicht mehr, endlich wieder was aufregendes. Textlich geht es um Krisenbewältigung, um Bestätigung und das Gefühl von Unsicherheit. Vieles bleibt aber auch da kryptisch, passend zur Musik. Hier noch der grandiose Opener:

Lege mich fest, das ist das Album des Jahres. Ach, das beste Album seit langer Zeit. Es ist das „Kid A“ dieses Jahrzehnts. Es löst auf und fügt neu zusammen. Und Regeln gibt es keine mehr, gewöhnt euch dran. Freue mich jetzt auf das was kommt.