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Abschlußrede 2017

Als Vorstand des Schulelternbeirates der Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule darf ich jedes Jahr für die Eltern auf der Entlassungsfeier der ESA’ler, MSA’ler und Abiturienten sprechen. Ich versuche jedes Mal, die Chance zu nutzen auf Entwicklungen in der Gesellschaft und auf die damit verbundene Verantwortung jedes Einzelnen hinzuweisen, die Dinge mitzugestalten.

 

Hier meine diesjährige Rede:

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Eltern und Angehörige, liebe Lehrer,

heute feiern wir den Abschluss der Zeit der für euch vor vielen Jahren als der „Ernst des Lebens“ begann.

Ich möchte mich kurz vorstellen. Mein Name ist René Hamdorf und bin seit gut 2 Jahren Teil des Vorstandes vom Schulelternbeirat und habe jetzt 2 Kinder hier an der Toni,  die Schule, die einen großen Teil eures Lebens in den letzten Jahren ausgemacht hat.

Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, wart hier für eine beachtliche und prägende Zeit und habt alle etwas mitgenommen. Wenn es gut gelaufen ist, dann auch überwiegend positive Dinge, die euch bestärken werden auf eurem weiteren Lebensweg.

Ich möchte mich ausdrücklich auch im Namen des Schulelternbeirates bei Ihnen liebe Eltern bedanken, die in den Jahren ihrer Kinder an dieser Schule geholfen haben, den Alltag zu gestalten. Bei Veranstaltungen aller Art zu helfen. Aufbauen, organisieren, mitgestalten, für Verpflegung sorgen, die Schule zu einem Ort machen, an dem Gemeinschaft gelebt wird.

Bedanken möchte ich mich natürlich auch im Namen aller Eltern bei der Schulleitung, allen Lehrerinnen und Lehrern, bei allen Angestellten. Ihr habt eine weitere Generation zum nächsten Abschnitt geleitet. Und das mit viel Herz und Einsatz. Danke dafür!

Der Ernst des Lebens ist für euch, liebe Schülerinnen und Schüler, damit jetzt vorbei und es beginnt ein neuer Abschnitt. Ab jetzt wird es leichter! Jetzt schaut ihr mal in die Gesichter derer ihr unterrichtet worden seid und ihr werdet sehen, nur Bestätigung.

Ihr geht vielleicht weiter zu einer anderen Schule, ihr macht eine Lehre oder geht studieren.

Jetzt kommt die Zeit, in der ihr um eurer Willen streiten und neu denken müsst. Auch letztes Jahr habe ich zum Aufbegehren, zum Fragen stellen und zweifeln am bisherigen Status aufgerufen. Damit möchte ich auch dieses Jahr nicht brechen.

Angesprochen auf die Kunst der Außeinandersetzung fällt mir eine Anekdote über den Musiker Arnold Schönberg ein. Ein garstiger Mann der eines Abends mit einem seiner Studenten stritt und im Verlauf des Gesprächs sagte der junge Mann unvorsichtigerweise: “Das kann ich beweisen!” Daraufhin sagte Schönberg: “In der Kunst kann man garnichts beweisen.” Und nach einer kurzen Pause: “Und wenn, dann nicht Sie!” Dann machte er noch eine Pause und sagte: ”Und wenn Sie, dann nicht mir.” Ich muß gestehen, in dieser Anekdote bin ich heute der junge Mann und ihr logischerweise Schönberg.  Ich versuche euch davon zu überzeugen, daß ihr, egal wo ihr euren weiteren Weg fortsetzt, die Dinge mitgestaltet. Es gibt so viel zu tun.

Allen ist klar, daß wir vor großen Umbrüchen stehen, daß diese schon an die Tür klopfen und schon stattfinden. Gesellschaft verändert sich, eine Epoche geht zu Ende und wir müssen das Neue gestalten.

Die Oxford-Studie über die Zukunft der Arbeit sagt, daß in Europa in zirka 20-30 Jahren, etwa die Hälfte der Bevölkerung keine klassische Arbeit mehr hat, jedenfalls nicht so, wie wir es jetzt kennen. Gründe dafür sind unter Anderem die fortschreitende Industrialisierung 4.0, sprich die Übernahme immer mehr Arbeiten durch Automatisierung. Zum Beispiel in der Logistikbranche durch ausgereiftere Roboter oder etliche Arbeitsstellen im Finanzbereich, die einfach durch Algorithmen ersetzt werden. Jetzt eine Ausbildung zum Bankkaufmann machen ist also eine Zwischenstation, nicht eine Entscheidung für das ganze Leben. Die Liste der bevorstehenden Veränderungen ist sehr lang. Es gibt Studien, die behaupten, daß etwa 20% der Bevölkerung in Zukunft ausreichen könnten, die Weltwirtschaft aufrecht zu erhalten.

Was machen also die Menschen, die aus den klassischen Arbeitsverhältnissen rausfallen? Gibt es für sie neue Visionen und Rahmenbedingungen in denen sich eine gerechte Gesellschaft entwickeln kann?

Dabei fallen immer wieder die bekannte Stichworte: Bedingungsloses Grundeinkommen, Gesellschaftsdienst, Maschinensteuer, Kommunale Vernetzung, Schwarmintelligenz, ein veränderter Bildungssektor in dem Schulen mit Medien- und Netzwerkkompetenz richtungsweisend sind, und noch ein paar andere… Themen, die dringend angegangen werden müssen. Der erste Computer mit der Rechenkapazität eines menschlichen Gehirns wird um 2025 erwartet. Das ist also keine Science Fiction. Die erste künstliche Intelligenz, die schlauer ist als wir, werden wir erleben.

Wir, unsere Gesellschaft, hat alle Möglichkeiten sich anzupassen, neue Modelle zu entwickeln. Trotz Digitalisierung, trotz Automatisierung. Denn Anpassung liegt in unseren Genen. Der Neurologe Gerald Hüther geht damit gelassen um, mit diesen für viele bedrohlich wirkenden Entwicklungen in unserer Gesellschaft. Auf dem Kommunikations-Kongreß 2016 in Hamburg sagt er: “Wir werden eine Bewegung bekommen, in der Menschen wieder gemeinsam versuchen ihre Probleme zu lösen. Wir müssen das Potential nur wecken. Eine Übergangsphase ist stets geprägt durch den Versuch an schon gelerntem festzuhalten.”

Dies zeigt sich darin, daß Meinungen und Strömungen in der Gesellschaft mittlerweile so ausdifferenziert sind, daß ein klarer Mainstream eigentlich nicht mehr die Meinungshoheit übernehmen kann. Es sei denn, wir heben die lauteste Meinung in den Vordergrund, vergessen aber dabei, daß das nicht die Mehrheit ist, sondern nur das durch äußere Einflüsse begünstigte Angebot einer zu einfachen Lösung für fehlende Antworten auf eine wichtige Frage in unserer Gesellschaft: Wie wollen wir in Zukunft leben? Wollen wir weiter Angst haben oder anfangen zu gestalten? Denn wir haben einen festen Zustand verlassen, das prosperierende Nachkriegsdeutschland auf dem Weg in die digitale Netzwerkgesellschaft. Und der Weg zum nächsten festen Zustand ist voller loser Stränge. Da kann eben auch an den falschen Strängen gezogen werden. Aber eben auch an den richtigen. Und warum sollte das auch nicht passieren?!

Und hier kommt ihr ins Spiel! Ihr entscheidet jeden Tag! Auch wenn es manchmal nicht so aussieht. Wenn ihr etwas unverpacktes kauft, wenn ihr faire Bekleidung wählt, wenn ihr in der Ausbildung eine neue Idee einbringt. Nichts muß so sein, weil es immer so gewesen ist!

Ich wünsche Euch für Eure Zukunft alles erdenklich Gute und schaut mal rechts und links vom Weg. In der Regel lohnt es sich.

Vielen Dank und eines könnt ihr euch merken: In der Kunst kann man gar nichts beweisen!“

 

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Wohin?

Auf meiner Suche nach Antworten stoße ich immer wieder auf Menschen, die mir Sachverhalte erklären können. Ich finde Beiträge, die mich weiter bringen, in mir einen Gedanken auslösen, der für mich zu diesem Zeitpunkt Sinn macht und vielleicht eine Entwicklung in mir in Gang setzt. Ich sage bewusst zu diesem „Zeitpunkt“, denn diese Dinge verändern sich sehr schnell. Durch gesellschaftliche oder ganz private Veränderungen ist man gezwungen seinen Standpunkt zu wechseln. Das ist dann auch richtig und wichtig. Eine Diskussion, die ich daher nicht verstehe, ist die, in der zum Beispiel Politikern vorgeworfen wird, eine Wende in der Sichtweise auf ein Thema vollzogen zu haben. Ja, warum denn nicht?! Das macht eine Person eben nicht inkonsistent, kann im Gegenteil ein Zeichen von Intelligenz sein. Politiker, die nur aus einer Agenda heraus handeln und ihre Sichtweisen nicht anpassen können, sind keine guten Politiker.
Manchmal gehen diese Erklärer. Wenn sie sich in eine Sackgasse begeben und mono thematisch werden. Oder wenn sie einfach von uns gehen, so wie Roger Willemsen. Habe ich noch nicht verwunden. Die meisten seiner Beiträge fand ich so erhellend, daß wenn er eine Religion gegründet hätte, ich erster Jünger geworden wäre. Aber dafür war er zu klug und ich nicht Macht-affin genug. Ein Beispiel voller wichtiger Gedanken:

Habe ich schon gepostet, bei verschiedenen Gelegenheiten. Schaue ich mir aber immer wieder an und finde immer eine Idee zum dran festhalten. Aber Willemsen ist für neue Entwicklungen halt keine Option mehr, aus offensichtlich Gründen.
Ich stelle mir eine Frage in letzter Zeit. Wenn alles immer komplexer und undurchschaubarer wird, und damit Entscheidungen über handelsweisen immer schwieriger zu treffen sind, wie verhindern wir das unvermeidliche Chaos? Und was, wenn das alles nur gefühlt ist? Gerade im Internet leben wir in Content-Blasen. Wir folgen unseren Interessen und verlieren dadurch umso mehr den wichtigen Blick auf das Ganze. Je mehr ich mich auf die eine Theorie stürze, desto mehr werde ich in diesen Strudel reingezogen. Dabei möchte ich garnicht einseitig über etwas denken, vielleicht versuche ich manchmal aus soziologischer, manchmal aus gehirnphysioligischer oder irgend einer anderen Sicht Erklärungsversuche anzunehmen, nicht jedoch auf Meinungsmacher reinzufallen. Und dazu tendiert man in der Content-Filter-Bubble. Auf Facebook stelle ich mir mit meinen „Gefällt mir“-Urteilen meine eigene Welt zusammen, erst wissentlich, später verliert man den Überblick. Ich lese und sehe fast nur noch, was ich lesen möchte. Da fehlt der Impuls von draußen. Dieser Impuls ist für die Entwicklung in einem sich anpassenden, lebenden System unabdingbar.
Ich interessiere mich für Schulentwicklung. Im Zuge von Recherchen zu diesem Thema, bin ich auf Professor Gerald Hüther gestoßen. Bald habe ich ihn als Erklärer für mich entdeckt, da er als Gehirnforscher stets Entwicklungen und mögliche Anpassungen in seine Sichtweisen einschließt. Folgender Beitrag hat mit Mut gemacht:

Ich verstehe das Setting nicht genau. Da ist von einem Think-Tank die Rede, da muß man immer gleich an Verschwörungstheorien denken. Soll mir gerade mal egal sein. Wichtig ist, was er in dieser kurzen Rede zu sagen versucht. Wir, unsere Gesellschaft, hat alle Möglichkeiten sich anzupassen, neue Modelle zu entwickeln. Trotz Digitalisierung, trotz Automatisierung. Denn Anpassung liegt in unseren Genen. Er geht gelassen um, mit diesen für viele bedrohlich wirkenden Entwicklungen in unserer Gesellschaft. Ich habe einige dieser Phänomene vor kurzem beschrieben. Ehrlich gesagt brauche ich das jetzt. Ich will mich nicht weiter verrückt machen lassen, durch eine Medienlandschaft, die sich durch jeden noch so unwichtigen Beitrag der AfD sofort triggern läßt und dadurch die Partei größer macht als sie ist. Die Meinungen und Strömungen in der Gesellschaft sind mittlerweile so ausdifferenziert, daß ein klarer Mainstream eigentlich nicht mehr die Meinungshoheit übernehmen kann. Es sei denn, wir heben die lauteste Meinung in den Vordergrund, vergessen aber dabei, daß das nicht die Mehrheit ist, sondern nur das durch äußere Einflüsse begünstigte Angebot einer zu einfachen Lösung für fehlende Antworten auf eine wichtige Frage in unserer Gesellschaft: Wie wollen wir in Zukunft leben? Wollen wir weiter Angst haben oder anfangen zu gestalten? Denn wir haben einen festen Zustand verlassen, das prosperierende Nachkriegsdeutschland auf dem Weg in die digitale Netzwerkgesellschaft. Und der Weg zum nächsten festen Zustand ist voller loser Stränge. Da kann eben auch an den falschen Strängen gezogen werden. Aber eben auch an den richtigen. Und warum sollte das auch nicht passieren?!

„Das beste in der Welt sind wir Menschen und das schlechteste der Welt sind wir auch“ Freue mich auf das Maeckes-Album 🙂

Netzwerkgesellschaft

Der Bundestrojaner wird immer häufiger eingesetzt. Occupy Wall Street nutzt Messenger zum organisieren von Widerstand. Soziale Netzwerke, Micro-Blogging, Display Advertising, Microsites, Mobiles Marketing, Virals & Seeding. Fragmente sich in die Gesellschaft einschleichender Netzwerke. Verhalten und Erwartungen der Nutzer ändern sich seit Jahren stetig. Das Netz war Medium für Transaktionen, ein Einkauf. Jetzt ist es zum Teil der eigenen Persönlichkeit geworden. Digitale Netzwerke bilden reale Netzwerke ab. Sender und Empfänger sind nicht mehr auseinander zu halten. Und das ist die eigentlich Sensation. Wir können die Quelle sein, nicht mehr nur eine übergeordnete Stelle.
Halten wir fest, die Netzwerke sind tief in unsere Gesellschaft eingedrungen, wir wissen nur noch nicht, was es bedeutet. Wir müssen eine neue Gesellschaft definieren. Und keiner weiß wie. Die Verunsicherung ist überall zu spüren. Ein Teil der Menschen flüchtet in einfache Antworten, die AfD liegt im Moment bei 20% in den Umfragen, das auch noch bundesweit. Der andere Teil stellt Fragen und weiß nicht so richtig.
Diese Unsicherheit zieht sich durch fast alle Bereiche des Lebens. Da ich eine 10-jährige Tochter und einen 12-jährigen Sohn habe, interessiere ich mich für das Thema Schule. Denn Schule ist Gesellschaft. Alle Grundlagen werden hier gelegt, alle Bewegungen werden hier abgebildet. Schule muß Antworten haben auf alle Entwicklungen in der Gesellschaft, denn sie kann nicht ausweichen. Schule muß auch eine Antwort auf die Netzwerkgesellschaft finden. Als Schulelternbeirat und IT’ler merke ich immer wieder, der Weg ist noch lang und noch haben die „Erhalter“ die Überhand. An der Gemeinschaftsschule meines Sohnes besagt die Handyregelung, daß keine Handys benutzt werden dürfen. Es sollen keine Smombies in der Schule rumlaufen. Was auf den ersten Blick Sinn macht, ist aus Soziologischer Sicht ein Versuch der Verdrängung der Netzwerkgesellschaft aus der Schulrealität. Wir haben keine Antwort, also ignorieren wir das Netz und tuhen so, als ob es die neue Gesellschaftsform nicht gibt. Die Angst vor dem Unbekannten übernimmt die Führung.
Eines muß jedoch klar sein, neue Medien sind in der Soziologie zur vierten Sozialisationsform aufgestiegen. Neben der Familie, der Schule und den Peers übernimmt das Netzwerk einen wichtigen Teil des Erwachsenwerdens. Von unserem Schulsystem wird dieser Fakt völlig außen vor gelassen. Es gibt keine Konzepte dafür. Digital vernetzte Medien sind längst zur Kulturtechnik geworden, in einer Reihe mit Lesen, Schreiben und Rechnen. Weite Teile der Schullandschaft ignorieren auch diese Entwicklung. Was also tun?
Ein einbeziehen der neuen Medien als Kulturtechnik, als Sozialisierungsinstanz, als Gesellschaftsform hieße dementsprechend: Schulentwicklung! Medienbildung ist Schulentwicklungsprozess. Jede Schule muß sich auf den Weg machen. Vorschläge gefällig?

– Auswählen und Nutzen von Medienangeboten
– Eigenes Gestalten und Verbreiten von Medienprodukten
– Verstehen und Bewerten von Medienprodukten und ­‐angeboten
– Erkennen und Aufarbeiten der Wirkungen von Medien auf alle Lebensbereiche und den Menschen
– Es bedarf eines Schulfaches »Medienbildung«
– Es bedarf neuartiger (verbindlicher) Fortbildungskonzepte und ­‐formate für Lehrerinnen und Lehrer
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Ich wäre dann soweit anzufangen. Wer kommt mit?

Gerald Hüther: Schule und Gesellschaft

Gerald Hüther: Wieso die Schulen versagen

Quelle: u.a. MediaMatters! Christian Filk, Europa Universität Flensburg