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Fortschritt

Warum wollen einige Fortschritt und andere nicht? Gerade jetzt, nach einer Wahl, bei der viele Menschen auf Konstanz und nicht wenige auf Stillstand, ja Rückschritt gesetzt haben, frage ich mich um so mehr, warum die einen wollen und die anderen nicht.

Da gäbe es zum Beispiel den evolutionären Ansatz dieses Verhalten zu erklären. Aus der Gehirnforschung wissen wir, das Gehirn sucht ständig nach bekannten Mustern um Geschehnisse und Situation einordnen zu können. Gibt es keine vergleichbaren Erinnerungen, verfallt es leicht in ein „Notprogramm“, um etwaige dadurch entstehenden Gefahrensituationen entgegenwirken zu können. Wenn sich zum Beispiel die Gesellschaft rapide verändert, wünscht dieselbige sich den letzten festen Zustand zurück. Wir sind gerade in so einer Übergangsphase, die begonnene Netzwerkgesellschaft weicht viele bekannte Muster auf und ersetzt sie durch neue, unbekannte. Damit hat das Gehirn, zumindestens übergangsweise, ein Problem. Es startet das Notprogramm und führt zu vielleicht irrationalen Entscheidungen. Fortschritt kann dadurch verhindert werden.

Eine weitere Sichtweise könnte man im soziologischen Ansatz finden. Wenn Sinn und Struktur sozialen Handelns sich beim Übergang in eine neue Gesellschaftsform verändern, treten ebenfalls Verhaltensmuster auf, die durch Angst definiert sind. Eine Erkenntnis nach dem starken abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl war, daß nicht nur die, durch die Seiteneffekte der neoliberalen Wirtschaftspolitik der letzten Jahre, Abgehängten, sondern auch der Mittelstand, dem es vermeintlich gut geht, aus der Angst heraus den eigenen Status verlieren zu können, die Partei gewählt haben. Eine starke, reiche Gesellschaft wie die Deutsche, wählt aus irrationalen Gründen eine Partei, die die eigenen Interessen überhaupt nicht vertritt, sondern vermeintlich Protest gegen das herrschende System suggeriert. Auch bei diesem Beispiel bekommt man Hinweise darauf, wieviel Menschen wirklich an Fortschritt interessiert sind. Scheinbar nur der kleinere Teil der Gesellschaft, wenn man sich das Wahlergebnis anschaut.

Am Ende interessiere ich mich für die Fortschritt-Frage, weil meine eigene Sichtweise so gegen den Mainstream gerichtet zu sein scheint. Ich habe ständig das Gefühl, daß sich ein altes System mit viel Macht halten möchte, dessen Zeit aber vorbei ist und abgelöst werden muß. Wir reiten ein totes Pferd. Wie also die Gesellschaft davon überzeugen, andere Wege zu beschreiten? Mehr soziale Gerechtigkeit, gerechtere Verteilung von Eigentum, Grundeinkommen, Maschinensteuer, die Menschen auf Industrialisierung 4.0 vorbereiten, insgesamt eine neue Definition von Gemeinschaft wenn Arbeit im klassischen Sinne für viele nicht mehr im Vordergrund stehen kann.

Wäre jetzt nicht der beste Zeitpunkt für Philosophen? Beim sich beschleunigenden Fortschritt braucht es doch erst Recht eine Vision, Vorschläge, wie eine Gesellschaft auf die Veränderungen reagieren kann. Wieso reagieren wir nur noch ad-hoc auf Geschehnisse wie die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer? Wo bleiben die Medien, die diese Geschehnisse in den richtigen, größeren Kontext rücken und damit eine andere Sichtweise ermöglichen?

Ich möchte Fortschritt. Weil der Status Quo in Deutschland zwar einen guten Standard darstellt, aber auf Dauer doch fragil und anfällig ist für extreme Positionen und Entwicklungen. Ich hoffe, daß sich die Gesellschaft besinnt und nicht tiefer in Schockstarre fällt. Ich habe Kinder. Die verdienen alle Chancen sich entwickeln zu können.

Habe übrigens keine konkreten Zahlen zu dem Thema gefunden. Wurde das mal untersucht?

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Küstenbrüder – Influenza

Die Küstenbrüder sind wieder da! Diesmal mit Real Talk. Eigentlich ist das Thema ja „Influencer“, modern shit sozusagen, aber erzählt wird doch viel Persönliches. Darauf einen „Alten Senator“.

Metasoziale Begründungen

Die Bundestagswahl steht vor der Tür. Jean Ziegler hat einmal gesagt:“In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht.“ Hier, in einer der europäischen Demokratien, haben wir grundsätzlich die Möglichkeit die Dinge zu ändern. Das ist die elementare Aussage seines Ausspruches. Er begründet dies unter anderem mit den Worten von Jean Jacques Rousseau. Dieser sagte, daß zwischen dem Starken und dem Schwachen die Freiheit unterdrückt und das Gesetz befreit. Ein Plädoyer dafür, die Marktwillkür normativ einzuschränken zu müssen.

Große Unternehmen sind naturgemäß dagegen per Gesetz eingeschränkt zu werden. Sie begründen dies stets damit, das dies schlicht unnötig ist, da der „Markt“ die Unternehmen von alleine reguliert. Dieses Argument höre ich seit langer Zeit. Deregulierung ist ein Standard-Terminus eines Wirtschaftsliberalen.  Bei der Recherche zu diesem Thema bin ich auf Alain Tourain gestoßen. Er hat 1973 als Erster in seinem Buch „Production de la société“ Kritik an metasozialen Konzeptionen zur Legitimierung von Praktiken und Verhaltensweisen großer internationaler Unternehmen geübt.

In der Geschichte der Gesellschaften hat es immer wieder Beispiele für den Rückgriff auf metasoziale Begründungen gegeben. Sie dienten dazu, unveränderliche, ahistorische Wahrheiten  zu rechtfertigen. Heute ist einer der mächtigsten metasozialen Begründungsweisen die „Naturalisierung“ ökonomischer Fakten. Das globalisierte Finanzkapital beruft sich auf sogenannte „Naturgesetze der Wirtschaft“ um die eigenen Profite abzusichern. Der Weltmarkt soll stets liberalisiert werden. Ziel ist, so Wall-Street-Bänker James Wolfensohn, eine „stateless global governance“, damit das Kapital dort hin kann, wo es den maximalen Profit erzielen kann.

Die „Marktgesetze“ sind als metasoziale Begründung jedoch gefährlich, da sich die Unternehmen zwar auf Rationalismus berufen, diese jedoch zu einem großen Anteil eben nicht „Gesetzen“ folgen und das System dahinter häufig ein wissenschaftlich gesprochen „chaotisches“ ist. Der Markt reagiert nicht selten irrational, das beste Beispiel ist die Finanzkrise 2008. Wie ein global vernetztes Bankensystem durch ausufernde Geschäfte in den Abgrund gerissen wird und dadurch die Welt in eine große Krise stürzt, zeigt, daß der „Markt“ jederzeit Fähig ist, nicht nach Ethik und Moral zu regulieren, sondern diese im Stande ist aufzuheben. Bis heute gibt es keine Finanztransaktionssteuer in Europa, ein Glanzstück des Irrationalen.

Metasoziale Begründungen lassen uns also vergessen, daß im jetzigen Zustand des Systems das Leiden Dritter verleugnet werden kann. Das spekulieren auf Lebensmitteltransaktionen in Afrika tötet Menschen. Die 7€-Hose beim Discounter zieht unmenschliche Verhältnisse bei der Produktion in Pakistan nach sich. Es gibt unzählige Beispiele.

Wenn jetzt also Bundestagswahl ist, dann möchte ich bedenken, daß Demokratie nicht ohnmächtig ist. Es gilt, so Ziegler, den „Aufstand des Gewissens“ zu forcieren und nicht auf die bisherigen Begründungen zu hören und eben doch sozial zu wählen. Was das heißt, muß jeder Einzelne entscheiden.

Industrialisierung 4.0

Allen ist klar, daß wir vor großen Umbrüchen stehen, daß diese schon an die Tür klopfen und schon statt finden. Gesellschaft verändert sich, ein Epoche geht zu Ende und wir müssen das Neue gestalten. Doch wenig deutet darauf hin, daß wir diesem Umbruch eine Vision entgegensetzen wollen. Statt dessen bricht sich Angst die Bahnen, direkt in das Herz der Menschen.
Auf dem Weg in jede neue Epoche hat sich dieses Gefühl breit gemacht. Dieses diffuse Angstgefühl dem Neuen nicht gewachsen zu sein. Zur Industrialisierung, nach dem Kaiserreich oder der Aufklärung. Die Folgen waren Zusammenbrüche, zum Beispiel zur Zeit der Weimarer Republik. Auch jetzt scheint es so, als steuerten wir auf solche Zusammenbrüche zu. Mit dem Unterschied, daß wir mehr wissen und die Möglichkeit hätten zu antizipieren. Die Oxford-Studie über die Zukunft der Arbeit sagt, daß in Europa in zirka 20 Jahren etwa die Hälfte der Bevölkerung keine Arbeit mehr hat. Gründe dafür sind unter Anderem die fortschreitende Industrialisierung 4.0, also die Übernahme immer mehr Arbeiten durch Automatisierung. Zum Beispiel in der Logistikbranche durch ausgereiftere Roboter oder etliche Arbeitsstellen im Finanzbereich, die durch Algorithmen ersetzt werden. Die Liste ist sehr lang. Es gibt Studien, die behaupten, daß etwa 20% der Bevölkerung in Zukunft ausreichen könnten, die Weltwirtschaft aufrecht zu erhalten. Wenn man also auch nur in die Nähe dieser Zahlen kommt, wo bleibt der Rest?

Was macht man mit diesen Menschen? Es hilft nichts, wir brauchen Utopien, Vorschläge für eine Gesellschaft der Zukunft. Eine Vision, die die Menschen auffängt und sie in ein neues Zeitalter führt. Die Alternative ist die Flucht in radikale Systeme. Haben wir alles schon gesehen, kann niemand ernsthaft wollen. Irgendjemand Antworten?

Vielleicht diese hier: Bedingungsloses Grundeinkommen, Gesellschaftsdienst, Bildung, Maschinensteuer, Kommunale Vernetzung, Schwarmintelligenz verstehen, Schulen mit Medienkompetenz und noch ein paar andere…

Ich versuche in nächster Zeit mal diese und damit zusammenhängende Themen aufzuarbeiten. Dies soll eine Einführung in das Thema sein. Grüße aus dem Elfenbeinturm.

Neue Medien

„Ihr sehnt euch, nicht nacheinander, denn ihr seid ja da, ihr sehnt euch über einander hinaus, aber gemeinsam.“ Max Frisch – Mein Name sei Gantenbein

Böhmermann hat auch mich zum nachdenken gebracht. Der Vorgang selbst hat mich allerdings nicht lange beschäftigt. Wer Böhmermann kennt, der weiß, daß er sich selbst schön als Schöffe am Gericht verdient gemacht hat. Ihn interessiert Recht, er glaubt an Staat und Rechtlichkeit. Daran, daß Dinge schief gehen, aber man in Deutschland Instanzen hat, die Dinge wieder zurecht rücken können. Selbst das ironisch gemeinte „Isch hab Polizei“ schlug in diese Kerbe. Einen rechtsfreien Raum gibt es in Deutschland nur so lange, bis man die Instanzen bemüht und sich damit Hilfe holt. Ein Grundvertrauen ist da, bei allen Fehlern die, natürlich auch hier, passieren. Ein „Bonding“ zwischen Mutter Deutschland und Böhmermann hat stattgefunden, da bin ich mir sicher.
Gleichzeitig seine Haßliebe zur deutschen Medienlandschaft. Durch sie und mit ihr aufgewachsen, spielt deutsche Unterhaltung immer wieder eine wichtige Rolle im Neo Magazin Royale. Als Liebesbeweis und zur Abgrenzung gleichzeitig. So war das Schmähgedicht als eine Abgrenzung zur Formatstarre des Erdogan-Extra 3-Beitrages und natürlich als Entrüstung über die Einmischung der Türkei in Fragen der Meinungsfreiheit zu sehen. Zeigen, daß ein Land zu weit geht und das andere Medien noch viel zu wenig Haltung dem gegenüber gezeigt haben. Die vielen Jahre Merkel haben uns ihr angenähert. Haltung scheint auf ihrer Prioritätenliste nicht allzu weit oben zu stehen. Darauf folgt was eben gefolgt ist. Ein Sturm in den Medien, allerdings nicht unbedingt in die richtige Richtung. Die Regierung versucht das Thema wie immer wegzuverwalten, die eigentliche Kritik geht unter. 85 Milliardäre besitzen soviel wie die 3,5 Millionen ärmsten Menschen der Welt. Die Menschen mögen aber nicht, daß Flüchtlinge Handys besitzen. Ich sag’s nur.

Was macht Böhmermann daraus? Es gibt noch 1 Show nach dem Skandal. Die zweite Hälfte dieser Folge lässt mich erst fragend zurück, aber langsam beginne ich zu verstehen. Diese letzten gesendeten 15 Minuten zerfallen komplett in Unterhaltungsfragmente, in dadaistisch anmutenden TV-Kubismus. Ein Ausdruck der Überforderung, der Überfrachtung mit einer Flut aus Informationen. Linearität wird hier als Zeichen der Verunsicherung über Werteveränderung aufgehoben. Und Werte verändern sich gerade rasant. Maler hatten bis zur Erfindung der Fotografie kein großes Verlangen die Dinge stark zu verfremden. Warum auch? Sie waren dazu da, Realität abzubilden. Mit den ersten Fotos änderte sich das. Erst jetzt konnten neue Kunstformen als Reaktion darauf entstehen. Picasso wäre vorher nur schwer denkbar gewesen.
Im Journalismus verläuft die Entwicklung ähnlich. Wer früher Informationen wollte, war angewiesen auf die gängigen Medien, nur diese hatten die Möglichkeit eine Beschreibung der Realität anzubieten. Mit der Verbreitung des Internets kann jeder seine Version der Realität verbreiten. Das führt zu einen Grad der Fragmentierung von Realitäten, der die meisten Menschen schlichtweg überfordert. Es erfordert für jedes neue Geschehnis eine eigene Bewertung. Die Geschwindigkeit der Informationsverteilung zwingt uns zudem zur Positionierung innerhalb komplexer Systeme. Ein Mechanismus der der Überforderung weiter Vorschub leistet. Viele warten dadurch auf einfache Antworten. Einfache Antworten die es nicht mehr gibt. Die enorm gestiegene Komplexität innerhalb der gesellschaftlich und medialen Vernetzung hat die Menschen nicht mitgenommen. Der Journalismus hält nicht mehr mit, mit den Live-Videos von ertrinkenden Flüchtlingen und den schrecklichen Tweets aus dem Donbass.
Wo geht es also hin? Im Moment scheinen uns eher Satiriker die Welt zu erklären als Claus Kleber. Böhmermanns „Stückwerk“ kommt der Realität einfach näher als alle gängigen Nachrichtenformate. Sein Flickenteppich ist eine Darstellung der Wirklichkeit, derer wir uns annähern sollten. Wir werden ihr nicht entfliehen können. Böhmermann konnte das auch nicht. Er ist mit seinem Gedicht in etwas verwickelt worden, was er nicht mehr kontrollieren kann. Vielleicht ist er doch wichtiger als er denkt, er stellt sich gerne als Hofnarr ohne Verantwortung dar. Aber manche werden durch die Geschichte in andere Rollen gedrängt. Fragt mich nochmal in 10 Jahren. Einfache Lösungen, das war mal. Wer eine Technik zur Annäherung hat, der informiert mich bitte. Ich sehne mich nach einer Antwort, vielleicht einer gemeinsamen.

Zum Thema kommunikative Macht in Netzen noch etwas Hintergrundwissen: